//
Marginalia

Der Mond ist aufgegangen

Der-Mond-ist-aufgegangen-2rSchlichting, H. Joachim. In: Physik in der Schule 32/4 (1994).

Wer kennt nicht jenes schöne Kinderlied, das jenseits aller Versuche physikalischer und – seit einigen Jahren – tatsächlicher Inbesitznahme die emotionalen Beziehungen des Menschen zum Mond anspricht. Der Mond ist von Anbeginn an Projektionsgegenstand menschlicher Stimmungen, Gefühle und Phantasien gewesen. Davon zeugen unzählige Gedichte, Märchen und Sagen. Die Grenze zum Sentimentalen ist dabei nicht selten überschritten worden, wie Wilhelm Busch in den folgenden Versen anklingen läßt:

Der Mond. Dies Wort, so ahnungsreich,
So treffend, weil es rund und weich.
Wer wäre wohl so kalt bedächtig,
So herzlos, hart und niederträchtig,,
Daß es ihm nicht, wenn er es liest,
Sanftschaudernd durch die Seele fließt
.

Obwohl gleich groß erscheinend wie die Sonne, ist der Mond im Unterschied zur Sonne immer wieder wegen seines milden Lichts gerühmt worden:…

Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
In Feuerströmen lebt, im Blute endet –
Bist, was dem kränken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber- o! ein mildes Licht.

(Annette von Droste Hülshoff)

Aber ,,der Mond ist kein Onkel mehr“ (FriedrichDürrenmatt), er ist zum Himmelskörper avanciert und ruft seitdem durchaus zwiespältige Gefühle hervor:

Du Sternenmahner, Himmelstotenkopf
Einst heiß hinausgespritzter·Erdentropf,
Nach dem verliebte Träumer schmachten,
Dich laß mich jetzt mit Ernst betrachten
(Heinrich Jordan)

Du sinnlos tote Welt aus Stein
Dein Odem bläst mir Kälte ein
Zerfressen steigst du still empor
Beleckt vom Übermaß des Lichts
Und weist des Weltalls Male vor
Nimmst wieder ab und wirst zu nichts
(Friedrich Dürrenmatt)

Der Mond ist alt, löchrig, verbraucht. Nackt durch den Raum trudelnd, welkt und vertrocknet er wie abgenagter Knochen (Italo Calvino)

Die heute weit verbreitete Spezies des homo faber versucht sich indes, dem physikalischen Objekt des Mondes weitaus emotionsloser zu nähern. So Iäßt Max Frisch seinen Helden Homo Faber in seinem gleichnamigen Roman fragen, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie angesichts des Mondes von Erlebnis reden:

lch sehe den Mond über der Wüste von Tamaulipas klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache deu Gravitation, interessant, aber wieso ein Erlebnis?

Das heißt nicht, daß auch ein naturwissenschaftlicher Mond zu faszinieren vermag, einerseits durch seine Verläßlichkeit und andererseits durch ,,seine komplizierten Gewohnheiten‘‚ (Italo Calvino):

Nie versäumt er seine Verabredungen, und stets kann man ihn an der nächsten  Ecke erwarten, doch läßt man ihn einmal irgendwo stehen, so ist er hinterher stets woanders, und schaute er eben noch in die eine Richtung, hat er im nächsten Augenblick schon die Haltung verändert, ein wenig oder auch sehr. Verfolgt man ihn aber auf schritt und Tritt, so merkt man gar nicht, daß er sich einem entzieht (ebd.).

Daß der Mond nicht selbstleuchtend sondern nur Spiegel des Sonnenlichtes darstellt, beschreibt Jean Paul auf anschauliche Weise:

Der Mond hob sich und brannte mir als Zauberspiegel des Sonnentages, der unter der Erde zog, glänzend ins Auge (Jean Paul).

Schon Leonardo da Vinci faßt die physikalische, „Wahrheit“ des Mondes in wenigen Worten zusammen:
Der Mond hat kein Licht von sich aus, und soviel die Sonne von ihm sieht, soviel beleuchtet sie; und von dieser Beleuchtung sehen wirsoviel, wieviel davon uns sieht. Und seine Nacht empfängt so viel Helligkeit, wie unsere Gewässer ihm spenden, indem sie das Bild der Sonne widerspiegeln, die sich in allen jenen spiegelt, welche die Sonne und den Mond sehen (Leonardo da Vinci).

Alles in allem ist der Mond Ansichtssache. Es gibt den Mond der Poeten und Liebenden ebenso wie den Mond der Physiker. ,,Es gibt für uns keinen Mond ohne uns“ (Martin Wagenschein).
PDF: Der Mond ist aufgegangen

Advertisements

Diskussionen

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: