//
Marginalia

Zeit als Abfolge

Sonnenuhr001.jpgSchlichting, H. Joachim. In: Physik in der Schule 33/12 (1995).

Die Totalität des Seins zu erfahren ist unmöglich.
Daher ist uns alles schrittweise gegeben.
 Jorg Luis Borges

Wie kam es zur Zeit? Mit der Etablierung von Gerichten verbanden sich die Erfindung der Schrift, die Kategorie der Wahrheit, der Zeugenschaft, des Gedächtnisses, der Kausalität und des Beweises, Ideen der Neutralität und einer hierarchisch legitimierten Urteilskraft. Als entscheidend erwies sich indes die unvermeidbare Konzeption einer neuen Zeit; einer linearen Zeitordnung, die sich von der Wahrnehmung zyklischer Zeiten unmerklich abzusondern begann…die neolithische Revolution ereignete sich als irreversibler Sturz in die Zeit (Thomas H. Macho).
Auf diese Weise geht man nach Paul Valéry „zur Sukzession über – und der Determinismus ist bereits eine Konzeption der Raum – Zeit, in der das Antezedens und das Consequenz gleichsam simultane Teile eines Ganzen sind. Die Zeit ist in jedem Kausationsdenken eine echte Dimension des Raums, eine Linie“.
Linien haben eine Länge. Die Länge wird durch überschaubare Einheiten eines Längenabschnitts, z.B. durch Schritte erschlossen:
Er ist eine Meile Wegs bei mir geblieben (die durch den Raum ausgedrückte Zeit als Hintereinandersetzen von Schritten) (Georg Christoph Lichtenberg).
Statt einer Wiederholung von Schritten können diese Einheiten auch durch andere sich wiederholende Vorgänge z.B. Schwingungen realisiert werden:
Wo sich ein Körper bewegt, da ist Raum und Zeit, das simpelste empfindene Geschöpf in dieser Welt wäre also das Winkel und Zeiten messende. Unser Hören und vielleicht auch unser Sehen besteht schon in einem Zählen von Schwingungen (Georg Christoph Lichtenberg)
Die kleinste sinnliche Einheit der Zeit sind Augenblicke. Ach Gott, das Leben ist lang, aber die Zeit ist kurz, sie hat nichts als Augenblicke – Alle Uhren gehen sehr (wobei er eine herauzog und sie ansah, und der sieben übereinnander stehende Weiser unten rückten, liefen und oben pfeilschnell flogen) (Jean Paul).
Ist Zeit Bewegung? „Zeit ist weder Bewegung noch ohne Bewegung…Zeit ist das Abzählbare an der Bewegung“ (Aristoteles).
Die Augenblicke werden linear hintereinander angeordnet, besser noch, sie werden wie Perlen auf eine Kette gezogen, denn sie sind nicht unabhängig voneinander, sondern untrennbar miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung wird durch die Dinge der Welt vermittelt, so daß „die Augenblicke losgelöst von den Dingen nichts sind, und daß sie nur in der successiven Ordnung der Dinge selbst ihren Bestand haben“ (Leibniz). Das heißt aber, daß die Zeit in das Geschehen im Palast der Welt eingewoben erscheint:
Du hörst die Zeit verstreichen: ein Rauschen wie vom Wind. Der Wind bläst durch die Flure des Palastes, oder im Innern deines Ohrs. Könige tragen keine Uhren. Man geht davon aus, daß sie es sind, die das Fließen der Zeit regieren, Unterwerfung unter die Regeln eines mechanischen Apparats wäre unvereinbar mit der königlichen Majestät. Die monotone Abfolge der Minuten droht dich zu begraben wie eine langsame Sanddüne. Aber du weißt, wie du ihr entgehst: Du brauchst nur die Ohren zu spitzen und die Geräusche des Palastes unterscheiden lernen… Der Palast ist eine Uhr: Ihre tönenden Ziffern folgen dem Lauf der Sonne, unsichtbare… (Italo Calvino).
Wären wir nicht mit diesem Geschehen sinnlich verbunden, wäre alles gleichartig, so würde man die Zeit nicht bemerken, „denn aus dir selber sagt kein Organ und kein Sinn“ etwas über den Ablauf der Zeit etwas aus. Vielleicht reflektiert die Zeit lediglich die Bewegung unseres Bewußtsein, das sich unaufhörlich „aus einem Zustand in einen anderen (bewegt), und dies ist die Zeit: die Abfolge“ (Jorge Luis Borges).
Oder wird uns der Eindruck von Zeit nur durch Bewegung schlechthin vermittelt?
Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? das steht dahin. Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie jetzt und dann, in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit, Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit (Thomas Mann).
Vor dem Entstehen der Welt, man sagt auch, „vor der Zeit“, war man noch unabhängig von der Zeit: …wie schön es damals in jener Leere war, Geraden und Kurven zu ziehen, den genauen Punkt zu bestimmen, das Fadenkreuz zwischen Zeit und Raum, aus dem das Ereignis aufsprießen würde, unverkennbar im Glanz seines Leuchtens – während jetzt die Ereignisse pausenlos niederprasseln wie eine Zementlawine, in Kolumnen eins nach dem andern verpackt, getrennt durch schwarze und inkongruente Schlagzeilen, die man auf vielerlei Weise lesen kann, die aber im Grunde unlesbar sind, ein Brei von Ereignissen ohne Form noch Richtung, der jeden rationalen Gedanken verschüttet begräbt und erstickt  (Italo Calvino).
Uhren strukturieren den Ablauf der Zeit. Uhren müssen jedoch von Zeit zu Zeit aufgezogen werden. Wie ist es mit dem Urbild der Uhr, dem zeitlichen Ablauf in der Natur?
Gott, der unsere Sonnenuhren aufzieht (Georg Christoph Lichtenberg).
Wie ist es ohne Uhr? Er opfert die Uhr und entgeht der Zukunft (Elias Canetti).

PDF: Zeit als Abfolge

Advertisements

Diskussionen

Trackbacks/Pingbacks

  1. Pingback: Die Zeit der heiteren Stunden | Die Welt physikalisch gesehen - 23. März 2018

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: