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Marginalia

Doppelspaltexperiment im literarischen Alltagsdiskurs

Die Physik, insbesondere die moderne Physik, ist immer wieder Gegenstand der Belletristik. Dabei U1-05BildBc Kopiefasziniert wohl vor allem das Rätselhafte dessen, was im vorliegenden Beispiel beim Doppelspaltexperiment passiert. Der Leser bekommt den Eindruck, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Das wäre an sich nicht so erstaunlich, wenn es nicht ausgerechnet in einer Disziplin vorkäme, die für Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit, Objektivität… steht:
„Das freut mich, Senor Gonzales. Es geht um die Frage, warum es Sie und mich, die Welt, die Galaxien, das Universum, warum es das alles gibt. Es ist schon spät, ich weiß. Sie sind müde, und ich habe zu viel getrunken, aber ich denke, ich habe auf diese Frage eine Antwort gefunden. Es ist vielleicht nicht die richtige Antwort, aber eine, die richtig sein könnte. Ich habe darüber nachgedacht, Senor Gonzales. Das Doppelspaltexperiment ist der Schlüssel. Ich würde Ihnen das gern erklären.“
„Ja, Senor. Ich bin nicht müde.“
„Bei diesem Experiment, es ist sehr berühmt, und es wurde tausendfach wiederholt, stets mit demselben Ergebnis. Bei diesem Experiment wird ein Elektron auf zwei sehr dicht beieinander liegende sehr dünne Spalte geschossen. Ein einzelnes Elektron.“
„Ein Elektron, Senor?“
„Fragen Sie mich nicht, was das ist, Senor Gonzales. Niemand weiß es, denn kein Mensch hat je ein Elektron gesehen. Schauen Sie sich Ihre Hand an. Es gibt darin mehr Elektronen als Sterne am Himmel, und ohne die Elektronen gäbe es Ihre Hand nicht, und dennoch können wir nicht genau sagen, was ein Elektron ist. Das liegt daran, dass es vieles sein kann. Wenn man nämlich ein einzelnes Elektron in dem Experiment auf die zwei Spalte schießt, teilt es sich vor den Spalten in zwei Wellen auf, und nun geht die eine Welle durch den linken und die andere durch den rechten Spalt.“
„Ja, Senor.“
„Aber was hat sich da geteilt, Senor Gonzales? Man hat entdeckt, dass sich gar nichts teilt. Es war da nicht etwas, das beschloss, sich vor den zwei Spalten in zwei Wellen zu teilen. Sondern das, was wir Elektron nennen, bestand von Anfang aus zwei Möglichkeiten. Es wurde nicht etwas bereits Existierendes auf die zwei Spalte geschossen, sondern zwei Möglichkeiten. Wenn man nun hinter dem Spalt nachschaut, auf dem Detektorschirm, sieht man, dass die zwei Möglichkeiten sich wie zwei Wellen verhalten, die miteinander interferieren. Werfen Sie zwei Steine ins Wasser, und dort, wo die beiden Wellen aufeinandertreffen, entsteht dasselbe Bild wie auf dem Detektorschirm. Und heute, Senor Gonzales, ist mir klar geworden, was bei dem Experiment eigentlich geschieht. Es geht um Isolation und Wechselwirkung. Wenn das Experiment mit einem im Labor isolierten Elektron durchgeführt wird, und wenn man dabei das Elektron nicht beobachtet, also nicht herauszufinden versucht, durch welchen Spalt es fliegen wird, dann besteht dieses Elektron aus zwei Möglichkeiten, die mit nicht wechselwirken können außer mit sich selbst. Und genau das tun di zwei Möglichkeiten, sie wechselwirken mit sich selbst, und wir sehen dann zwei Wellen, die interferieren. Senor Gonzales?“
„Ja?“
„Ich dachte, Sie seien eingenickt.“
„Nein, Senor. Ich habe nur die Augen geschlossen, um mir die Wellen besser vorstellen zu können.“
„Wissen Sie, was geschieht, wenn man beim Doppelspaltexperiment das Elektron beobachtet, weil man herausfinden möchte, durch welchen Spalt es fliegt?“
„Nein, Senor.“
„Wenn man das Elektron beobachtet, sind die Möglichkeiten, aus denen es besteht, nicht mehr isoliert. Denn für die Beobachtung braucht man Licht. Mindestens ein Photon wird ausgeschickt, und wenn es auf die zwei Möglichkeiten trifft, findet eine Wechselwirkung statt. Und durch diese Wechselwirkung werden die zwei Möglichkeiten zu jenem wirklichen Elektron. Sie werden zu einem realen Teilchen, das nun nur noch eine Wahl hat: Entweder fliegt es durch den linken oder durch den rechten Spalt. Ich würde das gern noch einmal wiederholen, Senor Gonzales, denn es ist sehr wichtig. Wenn man ein Elektron nicht beobachtet, ist es isoliert, und dann ist es nichts Wirkliches. Es besteht dann einzig und allein aus zwei Möglichkeiten, die miteinander interferieren, als wechselwirken, weil sonst nichts da ist, mit dem sie wechselwirken könnten. Wenn man die zwei Möglichkeiten aber beobachtet, wechselwirken sie mit einem Photon, also mit etwas anderem als sich selbst, und dadurch erst entsteht ein wirkliches Teilchen. Das bedeutet, dass Möglichkeiten durch Wechselwirkung zu etwas Wirklichem werden. Und ich meine das nicht etwa in einem übertragenen Sinn, >Unternimm etwas, dann entsteht etwasund<, das Wirkliche aber auf dem des >Entweder-oderEntweder<, das wirklich wird, geht ein >oder<
verloren. Das führt dazu, dass mit jeder Wechselwirkung, die in der Natur stattfindet, sei es auf atomarer oder auf makroskopischer Ebene, etwas Wirkliches auf Kosten des Möglichen entsteht. Und je mehr Wechselwirkungen gibt es, desto weniger Spielraum bleibt folglich dem Möglichen. Warum, Senor Gonzales, sind die Naturgesetze so zuverlässig, und warum gibt es so  wenige Naturkräfte, nämlich nur vier? Es liegt daran, dass die heute beobachtbaren Naturgesetze und die vier Kräfte das sind, was von den ursprünglich unendlichen Möglichkeiten übrig geblieben ist. Es ist der kärgliche Rest dessen, was alles hätte sein könne. Dem Universum geht es nicht anders als uns, Senor Gonzales. Je länger wir leben, desto beengender werden die Fesseln des Wirklichen, das sich in unserem Leben angehäuft hat. Das Meer der Möglichkeiten ist zu einem Tümpel geschrumpft. Aus diesem Grund verhält sich das Universum ähnlich wie ein alter Mensch äußerst konservativ, er hält sich sklavisch an die Naturgesetze, und nur in unserer Fantasie tobt das Mögliche sich noch aus, allein dort noch gibt es alles, was es geben könnte. Aber ich habe den Tod vergessen. Er ist eine Erfindung des Möglichen, denn nur das Mögliche hat ein Interesse daran, dass sich etwas verändert. Das Wirkliche will Beständigkeit, Ewigkeit, aber die ist ihm nicht vergönnt, und zwar aus einem bestimmten Grund. Es mag, nach allem, was ich gesagt habe, paradox klingen, aber das Wirkliche ist weniger real als das Mögliche. Das Wirkliche ist etwas Geisterhaftes, das nur von geborgter Zeit und geborgtem Raum lebt, während das Mögliche zeitlos ist, demzufolge auch raumlos . . . Senor Gonzales? Schlafen Sie? Hallo?“

Reichlin, Linus; Sehnsucht der Atome; Kriminalroman; Eichborn AG, Frankfurt am Main, 2008; ISBN: 978-3-8218-5835-7; S.: 247-251

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