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Marginalia

Jean Paul zum 250. Geburtstag

Tropfen auf Blumen rvDer Geburtstag von Jean Paul jährt sich in diesem Jahr zum 250. mal. Er wurde am 21. März 1763 in Wunsiedel geboren. Wie kaum ein zweiter Schriftsteller vor und nach ihm bediente er sich einer ausdruckstarken Metaphorik, die sich insbesondere aus den naturwissenschaftlichen, vor allem kosmologischen Kenntnissen seiner Zeit und Naturphänomenen wie Sonnenfinsternis, Nebensonne, Regenbogen, usw. speiste. Ich folge seinen Ausführungen selbst dann gern, wenn sie – wie er selbst sinngemäß einmal gesagt hat – nicht bedeutend sein wollen, es aber sind, weil so vieles mitschwingt. Hier einige Beispiele:Regenbogen Jan Kopie
„Die Erde kam ihm heilig vor, erst aus den Händen des Schöpfers entfallen – ihm war, als ging‘ er in einem über uns hängenden überblümten Planeten. Emanuel zeigte ihm Gott und die Liebe überall abgespiegelt, aber überall verändert, im Lichte, in den Farben, in der Tonleiter der lebendigen Wesen, in der Blüte und in der Menschenschönheit, in den Freuden der Tiere, in den Gedanken der Menschen und in den Kreisen der Welten – denn entweder ist alles oder nichts sein Schattenbild -; so malt die Sonne ihr Bild auf alle Wesen, groß im Weltmeere, bunt in Tautropfen (siehe Abbildung), klein auf die Menschen-Netzhaut, als Nebensonne in die Wolke, rot auf den Apfel, silbern auf den Strom, siebenfarbig in den fallenden Regen (sieh Abbildung) und schimmernd über den ganzen Mond und über ihre Welten“.(Jean Paul: Hesperus)

„Physische Note über den Zitteraal. Der Zitterfisch war gleichsam der erste Paragraph 45, der magnetische und Nebensonne_hellelektrische Materie verband, da er (nach Hunter) zugleich positiv und negativ elektrisch ist und ordentliche Batterien an sich hat, und da er, wie die Aale, Neunaugen, Quappen, Schleien, Karauschen, am Magnet erlahmt. Vielleicht wird der Fisch auf eine bessere Art als der Fisch Oannes – der, nach einem Fragment des Berosus, alle Wissenschaften den Menschen gab der Lehrer der Physik, da an ihm in dieser Materie wegen der Einfachheit der Kombinationen leichter etwas zu lernen ist als am magnetisierten Menschen, so wie ich eben darum glaube, daß die Pflanzen uns mehr Fensterläden und Fenstervorhänge am Lehrgebäude der Erzeugung öffnen können als die niedern Tiere, und diese mehr als wir. So wird die tierische Elektrizität der Fackelträger des tierischen Magnetismus werden.
Ich habe mich oft geärgert, daß die Physiker meistens nur sehen und lesen, anstatt das Gelesene und Gesehene zu kombinieren; noch mehr aber über die Naturgeschichtsschreiber, um deren Köpfe oft mehr Heiligenschein ist als wissenschaftlicher innen, weil sie, bei ihrer EinschränkuFlammender Himmel Kopieng auf einen Ast und Blattstiel ihrer Wissenschaft, so leicht ihrem optischen und mikroskopischen Fleiße den Schein des Scharfsinns zu erteilen wissen. – Ich würde mich schämen, wenn ich vor Franklin ein großer Physiker gewesen wäre; – denn ich würde dann so gut wie andere zu meiner Schande die Witterung und die Gewitter beleuchtet und erkläret haben ohne das Licht der elektrischen Materie. Und so steht jetzt ein Montblanc von aufgehäuften elektrischen Erfahrungen vor allen Kathedern, und allen fehlet noch das Senfkorn des Glaubens zum Heben des Bergs. Ich habe zuweilen gewünscht, man sollte nach nichts fragen, sondern die physikalischen Data ordentlich zusammenwürfeln und kombinieren wie Lessing die philosophischen oder andere die Musiknoten. Man würde doch sehen, was herauskäme, wenn man z.B. den Zitterfisch an desorganisierte Menschen, an Gewitterstangen, an Magnetnadeln vor- und nachmittags (weil sie nach den Tagszeiten verschieden deklinieren) hielte – oder wenn man in Hinsicht der elektrischen Fische bedächte, daß das Wasser ein Leiter und ein Leidenscher Kondensator ist, daß die Fische in einem vom Blitz getroffnen Teiche sterben und also sich so kalt anfühlen wie ein isolierter Mensch, den einer außer Rapport berührt. — Kurz ein Physiker sollte wie der Arzt wenig schreiben, wenn er nicht so viel wissenschaftlichen Witz zu physikalischen Kombinationen hätte als – Lichtenberg, und dieser sollte seines Orts wieder mehr schreiben (Jean Paul: Leben des Quintus Fixlein)

Sofi31_rv KopieFirmian stand allein mit nassen Augen vor der sanften Sonne, die sich über der grünen Welt in Farben auflöste. Die tiefe Goldgrube einer Abendwolke tropfte unter dem nahen Sonnenfeuer aus dem Äther auf die nächsten Hügel, und das umherrennende Abendgold hing durchsichtig an den gelbgrünen Knospen und an den weißroten Gipfeln, und ein unermeßlicher Rauch wie von einem Altare trug spielend einen unbekannten Zauber-Widerschein und flüssige, durchsichtige, entfernte Farben um die Berge, und die Berge und die glückliche Erde schien die herunterfallende Sonne widerscheinend aufzufassen…. Aber als die Sonne hinter die Erde sank — so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plötzlich der Engel eines höhern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nächtlichen Fackeltanz der hüpfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. — Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Wäldern“ (Jean Paul: Siebenkäs)

»Es ist die Sonnenfinsternis«, sagt‘ er, das Erblinden der matt glänzenden Sichel des Sonnenviertels zuschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen – nicht einmal recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen, grauen Lichte – die Vögel flatterten scheu umher – kalte Schauder spielten wie Geister der Mittagsstunde im kleinen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war.“ (Jean Paul: Titan)

„Nämlich ein Gefühl der irdischen Nichtigkeit des Schattengewimmels in unserer Nacht, Schatten, welche nicht unter einer Sonne, sondern wie unter Mond und Sternen geworfen werden, und denen das kärgliche Licht selber ähnlich ist, ein Gefühl, als würde der Lebenstag unter einer ganzen Sonnenfinsternis voll Schauer und Nachtgefühl gelebt – ähnlich jenen Finsternissen, wo der Mond die ganze Sonne verschlingt, und nur er selber mit einem strahlenden Ringe vor ihr steht -“ (Jean Paul: Vorschule der Ästhetik)

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