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Marginalia

Das Quecksilber spricht…

Die reine Lehre der Naturwissenschaft lässt oft keinen Raum für Gefühle und Empfindungen. Das schlägt Barometer2rvsich auch in den typischen wissenschaftlichen Beschreibungen nieder. Möchte man Menschen, denen die Naturwissenschaften bislang fremd geblieben sind, einen Zugang zur naturwissenschaftlichen Sehweise, ihren Ergebnissen und Methoden ermöglichen, so sollte man alles tun, die Erlebniswelt dieser Menschen dabei nicht auszublenden. Dem Dichter Johann Peter Hebel (1760 – 1826), ist dies an vielen Beispielen – wie ich meine – mit Erfolg gelungen. In seinem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“ stellt er eine Auswahl aus dem Kalender „Der Rheinländische Hausfreund“ der Jahre 1803 bis 1811 zusammen, in der er „die Natur auch in ihrer wissenschaftlichen Berechenbarkeit (zeigt). Aber er verliert sich nicht in diese Naturauffassung“ (Martin Heidegger). Das soll am Beispiel des Quecksilberbarometers gezeigt werden, das zur Zeit Hebels zu den großen physikalischen Errungenschaften zählte. Darin macht er dem „Hausfreund“ klar, „daß ihm in gläsernen Röhren sichtbar werden kann, was in der unsichtbaren Luft für eine Veränderung vorgeht“ (Johann Peter Hebel).

„Belehrung über das Wetterglas
Mancher geneigte Leser hat auch sein Wetterglas im kleinen Stüblein hängen, nicht erst seit gestern, denn die Fliegen haben auch schon daran geschaut, was der Himmel für Wetter im Sinne hat, also daß der Mensch nicht mehr viel daran erkennen kann. Mit einem nassen Tüchlein von Zeit zu Zeit wäre zu helfen. Aber das scharfe Aug‘ des Lesers hat’s noch nicht vonnöthen. Jetzt schaut er’s deutlich an und sagt: „Morgen können wir noch nicht mähen auf den untern Matten.“ Jetzt klopft er ein wenig an dem Brettlein, ob sich denn das Quecksilber gar nicht lupfen will, als wenn er es wecken müßte, wie aus einem Schlaf oder aus tiefen Gedanken, und wenn es ein wenig ob sich geht, so heitert sich in seinem Herzen die Hoffnung auf.
Aber doch weiß er nicht recht, wie es zugeht, und fragt den Hausfreund.
Der Hausfreund hat kein Wetterglas. Wozu braucht ein Kalendermacher ein Wetterglas, der den Sonnenschein und Regen des ganzen Jahres im Kopf trägt, und selber eins ist? Die Leute, die mit ihm umgehen, haben es gut. Einmal sagen sie: „Das Wetter hält nimmer lang an. Der Kalendermacher wird unleidlich“ Ein andermal, wenn er ruhig ein Schöpplein trinkt, oder er raucht Tabak, und es werden Ringlein im Rauch, wenn’s noch so arg regnet, so sagen sie: „Das Wetter bessert sich, der Kalendermacher sieht heiter aus und raucht Ringlein.“
Gleichwohl, weil der wißbegierige Leser den Hausfreund fragt, wie es mit den Wettergläsern zugeht, will er’s sagen.
Ja, ich weiß, Quecksilberbarometer sind aus der Mode. Sie funktionieren trotzdem, wenn man zufällig welche hat.
Merke:
Erstlich: Ein braves Wetterglas hat an der Spitze des Kölbleins oder Köpfleins, worin sich das Quecksilber sammelt, eine kleine Oeffnung.
Zweitens: Sonst meint man, wo nichts anders ist, dort sei doch wenigstens Luft. Aber oben in der langen Röhre, wo das Quecksilber aufhört, bis ganz oben, wo die Röhre auch aufhört, ist keine Luft, sondern Nichts, reines, klares, offenbares, nie gewesenes Nichts.
Dies wird erkannt, wenn man das Wetterglas langsam in eine schiefe Richtung bringt, als wollte man es umlegen, so fährt das Quecksilber durch den leeren Raum hinauf bis an das Ende der Röhre, und man hört einen kleinen Knall. Dieß könnte nicht geschehen, wenn noch Luft darin wäre. Sie würde sagen: „Ich bin auch da. Ich muß auch Platz haben.“
Drittens: Die Luft, die die Erde und alles umgibt, drückt unaufhörlich von oben gegen die Erde hinab, ja sie will, vermöge einer inwendigen Kraft, unaufhörlich nach allen Seiten ausgedehnt und so zu sagen ausgespannt sein bis auf ein Gewisses.
Denn sie ist Gottes lebendiger Athem, der die Erde einhüllt, und alles durchdringt und segnet, und hat gar viel verborgene Wunder. Also geht die Luft durch jede offene Thüre, ja durch jedwedes Spältlein in die Häuser, und aus einem Gehalt in das andere, und durch die kleine Oeffnung an der Spitze des Kölbleins hinein, und drückt auf das Quecksilber, und die Luft, welche noch aussen ist, drückt immer nach und will auch noch hinein. Ei, sie drückt und treibt das Quecksilber in der langen Röhre gewöhnlich zwischen 27 und 28 Zoll weit in die Höhe, bis sie nimmer weiter kann. Denn wenn das Quecksilber in der Röhre einmal eine gewisse Höhe erreicht hat, so drückt es, vermöge seiner eigenthümlichen Schwere, der Luft wiederum dergestalt entgegen, daß beide in das Gleichgewicht treten. Da strebt gleiche Kraft gegen gleiche Kraft, und keines kann dem andern mehr etwas anhaben. Die Luft spricht:
„Gelt, du mußt droben bleiben?“ Das Quecksilber spricht: „Gelt, du bringst mich nimmer höher?“
Merke viertens die Hauptsache: Der Druck und die Spannung in der Luft bleibt nicht immer gleich, einmal stärker, ein andermal schwächer. Die Gelehrten wissen selbst noch nicht recht, wo dieses herrühren will, nicht einmal der Hausfreund. Wird nun die Ausspannung der Luft auf einmal stärker, so daß man sagen kann, sie gewinne neue Kraft, so drückt sie auch um das stärker auf das Quecksilber im Kölblein, also, daß es in der Röhre höher hinauf muß, manchmal bis über 28 Zoll hinaus. Sobald aber die Ausdehnung der Luft im geringsten nachläßt, drückt im Augenblick die Schwere des Quecksilbers in der Röhre nach gegen das Kölblein, bis sie mit dem Druck der Luft wieder im gleichen ist, welchergestalt also das Quecksilber in der Röhre sinkt, manchmal bis unter 27 Zoll hinab. Also steigt und fällt das Quecksilber, oder wie man sagt, das Wetterglas, und sein Steigen und Fallen ist übereinstimmend mit dem unaufhörlichen Wechsel in der Luft.
Solche Gnade hat Gott dem Menschen verliehen, daß ihm in gläsernen Röhren sichtbar werden kann, was in der unsichtbaren Luft für eine Veränderung vorgeht. Allein der geneigte Leser ist vorsichtig und glaubt nicht Alles auf das Wort. Merke also:
Fünftens, der Beweis: Wenn die Mutter gebacken hat, und das Büblein ißt ein Stücklein lindes Brod, es beißt nicht schlecht hinein, und schmeckt ihm wohl; – klaubt es nun ein Grümmlein von dem Brod herab und zerdrückt es mit den Fingern, daß gleichsam wieder ein Taig daraus wird, und stopft damit die Oeffnung an dem Kölblein zu, von dem Augenblicke an geht das Quecksilber nimmer ob sich und nimmer unter sich, sondern bleibt unaufhörlich stehen, wie es stand. Warum? Weil die Luft nimmer auf das Quecksilber wirken kann, bis es endlich der Vater entdeckt und hätte die beste Lust, er gäbe dem Büblein eine Ohrfeige, – wer weiß, was er thut, wenn’s zum zweitenmal geschieht.
Wenn es ihm aber mit feiner Vorsicht gelungen ist, die Öffnung wieder frei zu machen, die Luft kann wieder auf das Quecksilber drücken, wie vorher, stärker oder schwächer, alsdann fällt es auch wieder an, lustig zu steigen und zu fallen. Also rührt die Veränderung in dem Stand des Quecksilbers von der Luft her, welche durch die Oeffnung des Kölbleins hineingeht und auf das Quecksilber drückt.
Daß aber die Luft allein es sei, welche im Stande ist, mit wunderbarer Kraft das Quecksilber 28 Zoll hoch in die Röhre hinaufzutreiben und in dieser Höhe schwebend zu erhalten, ist der Beweis, wenn die Röhre oben an der Spitze abbricht, und die Luft jetzt dort auch hineinkommt, wo vorher keine war, fällt das Quecksilber in der Röhre auf einmal so tief herab, bis es demjenigen, als in dem Kölblein steht, gleich ist, und hat alsdann Alles ein Ende; denn die Luft in der Röhre und die Luft in dem Kölblein drückt jetzt mit gleicher Gewalt gegen einander und vernichtet ihre Kraft an sich selber, also, daß das Quecksilber freies Spiel bekommt und seiner eigenen Natur folgen kann, die da ist, daß es vermöge seiner Schwere hinuntersitzt bis auf den Boden, oder auf das Unterste des Raumes, worin es eingeschlossen ist.
Merke sechstens und endlich: Es hat eine lange Erfahrung gelehrt, wenn die Luft anfängt, sich stärker auszudehnen und zu drücken, daß alsdann gemeiniglich auch das Wetter heiter und schön wird. Wenn sie aber nachläßt und gleichsam matt wird, man weiß nicht, warum, so macht sich gewöhnlich ein Regen zurecht oder ein Sturmwind, oder ein Gewitter. Welchermaßen nun das Steigen und Fallen des Quecksilbers einen stärkeren oder schwächern Druck der Luft anzeigt, solchermaßen kündiget es auch zum voraus Sonnenschein und Regen an, wenn nichts anderes dazwischen kommt. Bisweilen aber falliren alle Zeichen und Hoffnungen, wie dem Leser wohl bekannt ist.
Denn der liebe Gott hat auch noch allerlei andere kleine Hausmittel, um den Wechsel der Witterung zu hindern oder zu fördern, welche er bis jetzt noch Niemand verrathen hat. Die Wettergelehrten ärgern sich schon lange darüber.
Solche Bewandtniß hat es mit der Einrichtung und den Eigenschaften des Wetterglases. Ein andermal will der Hausfreund vortragen, was bei der Beobachtung desselben zu beobachten ist. Merke einstweilen noch: Wenn man dem Ding einen gelehrten Namen geben will, was zwar nicht nöthig ist, so muß man nicht sagen oder schreiben Perometer, sondern Barometer“

Aus:Hebel, Johann Peter: Erzählungen des Rheinländischen Hausfreundes. In: J.P.Hebel: Werke. Frankfurt: Insel 1968, S. 361-365).

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