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Marginalia, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Stabilität durch kollektives Stürzen

Brücke

Einfache und anschauliche Vorstellungen zu physikalischen Vorgängen findet man oft außerhalb der Physik, z.B. bei dem Dichter Heinrich von Kleist. In diesem Fall kann man sogar davon ausgehen, dass er mit den physikalischen Errungenschaften seiner Zeit vertraut war.
Bögen und Gewölbe faszinieren auch den Laien dadurch, dass sie sich auf eine nicht sofort zu durchschauende Weise den Gesetzen der Schwerkraft zu entziehen scheinen. Und man ist immer wieder erstaunt, dass unter den Überresten antiker Gebäude oft Bögen und Gewölbe vorzufinden sind, die man naiverweise als am ehesten als sturzgefärdet ansieht.
Auch in der aktuellen Physik der granularen Materie spielt die Gewölbebildung durch Kontaktnetzwerke, die die Kräfte der Partikel zu den Seiten ableiten eine wichtige Rolle.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die folgenden Worte von von Kleist eine aktuelle Bedeutung:
„Als die Sonne herabsank war es mir als ob mein Glück unterginge. Mich schauerte wenn ich dachte, daß ich vielleicht von allem scheiden müßte, von allem, was mir teuer ist.
Da ging ich, in mich gekehrt, durch das gewölbte Tor, sinnend zurück in die Stadt. Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, WEIL ALLE STEINE AUF EINMAL EINSTÜRZEN WOLLEN – und ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der  Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt.

Kann man die abstrakte Newtonsche Idee der Massenanziehung und des freien Falls anschaulicher und lebendiger auf den Punkt bringen, als mit den Worten: WEIL ALLE STEINE AUF EINMAL EINSTÜRZEN WOLLEN. In wenigen einfachen Worten lässt er darüberhinaus die „andere Seite“ der Physik, das was die menschliche Vorstellung betrifft, die Konnotationen des mathematischen Unterbaus, die in allen konkreten Fällen nistet, lebendig werden.

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