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Marginalia

Übergänge 2

Übergänge 2Übergänge können fließend und abrupt verlaufen, so dass man sie kaum bemerkt und sich wundert, wie man auf die andere Seite gekommen ist. Unser Leben, die Geschichte, das Vorher und Nachher… bestehen aus Übergängen. Ob gewollt und erlitten, ob schwebend oder sinkend, zwischen allen Zuständen gibt es eine Verbindung:
„Im Zwielicht solcher Dämmerung, locker gespannt zwischen Schon und Noch, auf Zusehen hin entlassen aus dem Geschubse linearer Progression, erwacht innovative ästhetische Intelligenz. Und sie erwacht, wenn sie Glück hat, nicht aus dem Traum-Intermezzo schwebender Übergänglichkeit, sondern recht eigentlich in ihr. Das Produkt das dabei herauskommen mag, ist das Vehikel des Übergangs, das, zu weiterm Gebrauch, zurückbleibt, wie Wittgensteins Leiter. Zum Beispiel Kleist: In einem Brief an seine Braut Wilhelmine von Zenge (16. November 1800), in dem er von der positiven Katastrophe jenes Würzburger Torbogens berichtet, der, zur Haltbarkeit gefugte Zwischenräume, nur deshalb nicht einstürzt, weil alle Steine „auf einmal einstürzen wollen“, heißt es:
Galilei mußte zuweilen in die Kirche gehen. Da mochte ihm wohl das Geschwätz des Pfaffen auf der Kanzel ein wenig langweilig sein, und sein Auge fiel auf den Kronleuchter, der von der Berührung des Ansteckens noch in schwebender Bewegung war. Tausende von Menschen würden, wie das Kind, das die schwebende Bewegung der Wiege selbst fühlt, dabei vollends eingeschlafen sein. Ihm aber, dessen Geist immer schwanger war mit großen Gedanken, ging plötzlich ein Licht auf, und er erfand das Gesetz des Pendels (Kleist).
Eingelullt in der vorurteilslosen Wahrnehmung des Hin und Her, geht ihm das Licht der Erkenntnis auf, als „Gesetz“, das „die schwebende Bewegung“, keineswegs von außen, erhellt. Pendel: als ob sie, wenn sie nicken, hin und her, im beschleunigten Durchgang durch den tiefsten Punkt das Bewußtsein verlören, das gesteigert, zweimal, im toten Punkt der Umkehr oben, sich sammelt, der Schwerkraft widerstehend. Unten freilich, im Bunde mit ihr, momentweise entlassen von ihr, wäre er am größten, am leichtesten. Eine Herausforderung, so spannend wie ängstigend: solche Übergange, abgedunkelt zum Schutz, als Neuland der Erkenntnis aufzuklären“ (aus: Hart Nibbrig, Christiaan L.: Übergänge).

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