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Physik im Alltag und Naturphänomene, Rubriken: "Spielwiese" und "Blickwinkel"

Der Scheinriese im Säulengang

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Abb. 1: Durch das Fenster eines angrenzenden Gebäudes fotografierte Ansicht des Säulengangs, mit einer Person am hinteren Ende (links) und am Anfang des Gangs (rechts)..

Schlichting, H. Joachim. In : Physik in unserer Zeit 44/4 (2013) 190

Ein Säulengang, der kürzer ist, als er erscheint, lässt Menschen scheinbar wachsen, wenn sie durch ihn hindurchgehen. Die geschickte optische Täuschung eines Architekten aus dem 17. Jahrhundert befindet sich in einem alten Palast in Rom.

Schaut man sich den Säulengang unvoreingenommen an, so wird man nichts Ungewöhnliches entdecken. Erst wenn man eine Person von vorne nach hinten hindurchgehen sieht, wird es merkwürdig. Zum einen sieht es so aus, als würde die Person wachsen. Zum anderen hat man den Eindruck, sie würde schneller sein, als es den Beinbewegungen entspricht. Am Ende erscheint sie fast so groß wie der Gang hoch ist (Abbildung 1).

 Wir haben es hier gleich mit mehreren, miteinander zusammenhängenden Illusionen zu tun: Überzeugt von der Größenkonstanz der durch den Säulengang gehenden Person muss man aus den Beobachtungen schließen, dass die Säulen nicht nur perspektivisch kürzer zu werden scheinen, sondern auch tatsächlich kürzer werden (Abbildung 2).

Der Erbauer dieser eigenwilligen Spielerei wollte durch die abnehmende Höhe der Säulen beim Betrachter die Illusion hervorrufen, dass der Gang viel länger und damit das Gebäude entsprechend größer erscheint als es in Wirklichkeit ist. Wenn man sich dieser Illusion hingibt – und es ist schwierig, es nicht zu tun –, so muss man den Eindruck gewinnen, dass die hindurchgehende Person nicht nur zu wachsen, sondern auch schneller zu werden scheint. Geht man selbst durch den Gang hindurch, bleibt man von einem merkwürdig irritierenden Gefühl des Schwankens zwischen Wirklichkeit und Illusion nicht ganz verschont. Wer ist schon vertraut mit normal aussehenden, aber kleiner werdenden Säulengängen?

Das Gebäude mit den kürzer werdenden Säulen kann in Rom besichtigt werden. Es handelt sich um den Palazzo Spada. Er wurde im Jahre 1652 von einem der größten italienischen Renaissancearchitekten des 17. Jahrhunderts Francesco Borromini (1599 bis 1667) für den Kardinal Spada errichtet. Der in den Palast integrierte, mit Säulen geschmückte Korridor ist tatsächlich nur zehn Meter lang. Borromini führte die beiden Seiten konvergierend unter Abnahme der Höhe der Säulen aus, so dass die genannten Effekte zu beobachten sind.

Abb. 2: Seitenansicht des Säulengangs mit abnehmender Höhe der
Säulen

Das Spiel mit der Perspektive war in der Renaissance sehr beliebt. Oft entdeckt man gar nicht, dass man visuell genarrt wird. So gewinnt der Besucher beispielsweise in der Kirche St. Ignatio in Rom den Eindruck, auf ein imposantes, reichlich mit Figuren und Säulen ausgestattetes Deckengewölbe zu blicken. Und wenn er nicht zufällig auch noch von der Kanzel aus das Kunstwerk betrachtet, würde er kaum bemerken, dass es sich dabei um ein bloßes perspektivisches Gemälde handelt. Denn da die Decke weit genug entfernt ist, um das stereoskopische Sehen außer Kraft zu setzen, kommt man der Täuschung nur dadurch auf die Schliche, dass man einen „ungünstigen“ Standpunk einnimmt. Die Decke von St. Ignatio ist aber – wie man weiß – weniger rein spielerischen und künstlerischen Motiven als vielmehr finanzieller Notwendigkeit zu verdanken: Für eine reales Gewölbe fehlte schlicht das Geld. Vergleichbare Illusionsräume findet man heute allenfalls in Science Centern und ähnlichen Einrichtungen.

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