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Marginalia

Christo was here

GespinstmotteIch staunte nicht schlecht, als ich auf einer Wanderung an der Ems bei Telgte auf eine Gruppe fast vollständig eigekleideter bzw. verpackter Bäume traf (obere Abbildung). Es drängte sich mir sofort der Gedanke auf, dass hier ein Verpackungskünstler am Werk war. Die Bäume samt ihrer Äste waren derart sorgfältig mit einer dünnen  Folie überzogen, dass ich meinte einen natürlichen Ursprung ausschließen zu müssen.  Denn wenn man vor einem solchen Baum steht und das ziemlich reißfeste und elastische Material in die Hand nimmt, wird man eher an Kunststoff als an ein Produkt natürlicher Herkunft erinnert. Und dennoch sind es kleine Tiere, Raupen der Gespinstmotte (Yponomeuta evonymella), die diese „Kunstwerke“ als Gemeinschaftswerk sehr vieler Individuen hervorbringen.
Wenn man sich vor Augen führt, dass nicht nur einzelne Bäume, sondern manchmal ganze Alleen von Bäumen in der silbrig-weiß glänzenden Verpackung erscheinen, fällt es schwer sich vorzustellen, dass diese kleinen Tiere ein solches Mammutwerk zustande bringen können. Aber es ist eben ein Effekt der großen Zahl. Jens SandbergAllein die Koordination der Arbeitsgänge die dafür erforderlich sind und die große Materialmenge, die dabei verarbeitet wird, rufen Erstaunen und Verwunderung hervor. Schließlich stellt sich die Frage, warum die Tierchen diesen Aufwand treiben. Die Raupen haben es auf Nahrung abgesehen, die sie in den jungen Trieben und Blättern mancher Bäume finden. Vor allem Traubenkirschen (daher Traubenkirschen-Gespinstmotte) aber auch andere Bäume – in unserem Fall waren es Pappeln und Birken – werden von den Raupen befallen. Damit siYponomeuta.evonymellae von Fressfeinden wie Vögeln und der Witterung unbehelligt ihren Hunger stillen können, hüllen sie gleich die Bäume als Ganzes mit ihrer aus einzelnen Spinnfäden gewobenen Folie ein. Dabei gehen sie sehr sorgfältig und gründlich zu Werke, indem sie selbst tote Äste äußerst passgenau mit verpacken.
Bedenkt man welche Mengen an Baumaterial dafür benötigt werden, wird deutlich, wie viel Biomasse verarbeitet werden muss. Denn neben dem eigenen Wachstum müssen die Raupen ja auch das Gespinst durch Verarbeitung der Nahrungsmittel hervorbringen. Es ist daher kaum zu verstehen, dass sie mit ihren Materialien so großzügig umgehen. Sie spinnen zuweilen nicht nur das Gras zwischen den Bäumen gleich mit ein und schaffen auf diese Weise mit den baldachinartigen Bedeckungen ein weiteres erstaunliches Kunststück, sondern wenn zufällig für ihre Esszwecke völlig unbrauchbare Gegenstände – wie etwa ein Fahrrad (mittlere Abbildung) – im Wege stehen, so wird auch dies gleich mit eingepackt. Es fällt mir irgendwie schwer,  derartige kunstvolle Hervorbringungen als bloßes Epiphänomen der schieren Fresslust der Raupen anzusehen.  Ich finde das tierische Werk ähnlich ansprechend wie die Verpackungskunstwerke von Christo und Jeanne Claude.
Epilog: Wenn die Motten die Bäume im Schutze der Abdeckung kahl gefressen haben, begeben sie sich im Frühsommer zum Fuße der Stämme, wo sie sich verpuppen und nach kurzer Zeit als wunderschöne weiße, dezent schwarz gepunktete Falter aufzuerstehen und ein ganz neues Leben zu beginnen (untere Abbildung). Die Falter legen schließlich nach der Paarung ihre Eier an den Knospen  ausgewählter Bäume, vorrangig der Traubenkirsche ab, bis im nächsten Frühjahr der Lebenszyklus der Gespinstmotte von neuem beginnt. Im vorliegenden Fall wurden die Bäume längst von den Raupen verlassen und sie scheinen die Fressorgie überstanden zu haben. Denn die Blätter erstrahlten in neuem Grün.

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