//
Marginalia, Physik und Kultur

Dies ist keine Erzählung – Denis Diderot wurde am 5. Oktober vor 300 Jahren geboren

Geschichte der GeschichteDenis Diderot erzählt eine Geschichte, in der er selbst einer der Erzähler ist, der sich selbst zitiert und damit in der Erzählung dreimal vorkommt. Diderot thematisiert hier implizit die Problematik der Grenze zwischen Realität und Fiktion und den Zusammenhang von Erlebnis, Erinnerung und Erzählung. Solche Fragen kennt man eigentlich erst aus unserer Zeit. Diderot war in mehrfacher Hinsicht seiner Zeit weit voraus. Nicht nur trieb er vor allem mit dem zusammen mit d`Alembert herausgegebenen Jahrhundertwerk der Encyclopédie die Aufklärung gegen alle Widerstände voran, sondern bezog in seinem Denken bereits die Fragen mit ein, die jenseits der Aufklärung auftauchen würden. Seine Werke: „D’Alemberts Traum“ und „Rameaus Neffe“ sind auch heute noch eine interessante Lektüre über das Leben, über das Nachdenken über das Leben und über das Nachdenken über das Nachdenken…

Diderots philosophischer Roman „Jakob und sein Herr“ erinnert in gewisser Weise an Cervantes‘ „Don Quijote“. Aber auch „Tristam Shandy“ schimmert insbesondere durch den Erzählstil hindurch. Die Umkehrung der Reihenfolge von Diener und Herr bereits im Titel ist Programm.
Im folgenden wollen wir einige Zitate aus dem Werk völlig unkommentiert für sich sprechen lassen.

Zufälle, Schicksal, Vernunft und Sterne

„Ist dein Wohltäter gehörnt worden, weil es so in den Sternen geschrieben stand, oder stand es in den Sternen geschrieben, weil du deinem Wohltäter Hörner aufsetzen mußtest?

Jakob: Beides stand, eins beim andern, in den Sternen geschrieben. Alles steht beisammen geschrieben. Es ist gleichsam eine riesenlange Schriftrolle, die ganz unmerklich und allmählich aufgerollt wird…

Zudem: gibt es überhaupt einen Menschen, der imstande ist, die Verhältnisse richtig einzuschätzen, in denen er lebt? Die Rechnung, die wir in unseren Köpfen anstellen, und die Rechnung, die dort oben auf der langen Rolle feststeht, sind zwei völlig verschiedene Rechnungen. Lenken denn wir das Schicksal, oder lenkt das Schicksal uns? Wie mancher weise ausgeklügelte Plan ist fehlgeschlagen, und wie viele Pläne werden noch mißlingen?

Und was wollten sie eigentlich in Lissabon? Jakob: Sie suchten ein Erdbeben auf, das ohne sie nicht stattfinden konnte. Sie wurden zerschmettert, von der Erde verschlungen oder verbrannten, je nachdem es im Himmel vorbestimmt war.

Da er nun seine Uhr nicht mehr besaß, blieb ihm nur seine Tabaksdose, die er jeden Augenblick auf- und zuklappte, wie ich’s auch mache, wenn ich mich langweile. Was an Tabak übrigbleibt, steht im direkten Verhältnis zum Vergnügen oder im umgekehrten Verhältnis zu meiner Langeweile an dem betreffenden Tag. Ich bitte dich…, dich mit dieser Ausdrucksweise vertraut zu machen. Ich habe sie der Geometrie abgelauscht, weil ich sie genau und treffend finde, und werde sie darum öfters anwenden.

…weiß man denn jemals, wohin man geht? Und du, wohin gehst denn du? Muß ich dir das Abenteuer Äsops in Erinnerung rufen? Sein Herr Xanthippos sagt eines Abends- ich weiß nicht, war’s im Sommer oder im Winter, denn die Griechen pflegten zu jeder Jahreszeit zu baden- „Äsop“, sagte er zu ihm, „geh ins Bad. Wenn nur wenige Leute dort sind, wollen wir baden…“ Äsop ging hin. Unterwegs begegnete er der Scharwache von Athen. „Wohin des Wegs?“ „Wohin?“antwortete Äsop, ich weiß es nicht“- „Du weißt es nicht? Dann fort mit dir ins Gefängnis!“ „Da seht ihr“, sagte Ä., „habe ich’s nicht gesagt, ich wisse nicht, wohin ich gehe?“

Das kommt vielleicht keine zweimal im Tag in einer großen Stadt vor

Der erste Schwur, den zwei Wesen aus Fleisch und Blut einander ablegten, ward am Fuß eines Felsens gesprochen, der in Staub zerfiel. Sie riefen zum Zeugen ihrer standhaften Treue einen Himmel, der keinen Augenblick der gleiche ist.

Er glaubte, ein Mensch schreite ebenso zwangsläufig dem Ruhm oder der Schande entgegen, wie eine Kugel, die ein Bewußtsein ihrer selbst hätte, den Abhang eines Berges hinunterrollt. „Wäre uns die Verkettung der Ursachen und Wirkungen bekannt, die das Leben eines Menschen vom ersten Augenblick seiner Geburt bis zu seinem letzten Seufzer bestimmen, wir wären überzeugt, daß er nichts weiter getan hat, als was er notwendigerweise hat tun müssen…

Wie groß auch die Summe der Elemente sein mag, aus denen ich zusammengesetzt bin: ich bin ein Ganzes. Nun hat aber EINE Ursache nur EINE Wirkung. Ich bin immer eine einzige Ursache gewesen, konnte also nie mehr als eine einzig Wirkung hervorbringen; mein Dasein ist demnach nichts als eine Folge von notwendigen Wirkungen.

1. ..jede Kugel, die aus einem Gewehr abgefeuert werde, habe ihr Ziel
2…Ein Schuß traf mich ins Knie, und Gott der Herr weiß allein, was dieser Schuß alles mit sich brachte an willkommenen und unwillkommenen Erlebnissen. Sie hängen ineinander wie die Ringe einer Kette. Hätte mich der Schuß nicht getroffen, so hätte ich mich beispielsweise höchstwahrscheinlich nie im Leben verliebt und müßte jetzt auch nicht hinken.
3. ‚Alles was uns zustößt, Gutes oder Arges steht in den Sternen geschrieben‘. Kennt Ihr…ein Mittel, diese Schrift auszulöschen? Kann ich ein anderer Mensch sein.
Der Herr: Es gibt wohl auf der ganzen Welt keinen zweiten Kopf, in dem so viele Paradoxe beisammen hausen wie in deinem.
Jakob: Und was ist schon Schlimmes dabei? Eine paradoxe Ansicht ist nicht jedesmal eine schiefe.

Früher oder später bekommt man ein Vergnügen satt, das man gewissermaßen auf dem First eines Daches genießt und bei dem man immerzu Gefahr läuft, bei der geringsten Bewegung hinunterzufallen und sich den Hals zu brechen.

Der Herr: Es war also nicht weit vom Wald bis ins Dorf?- Jakob: Nicht weiter als vom Dorf bis zum Wald.

„Liebes Kind, warum schreist du?“- „Sie wollen mich zwingen, a zu sagen.“-„Und warum willst du nicht a sagen?“-„Sobald ich a gesagt habe, werden sie mich zwingen b zu sagen…“

Kein Buch ist harmloser als ein schlechtes.

Alles steht in dem großen Buch geschrieben.

Jakob: Wer kann das wissen, eher er beim letzten Wort der allerletzten Zeile auf der Seite angelangt ist, die man in dem großen Buch ausfüllen muß?
Der Herr: Woran denkst du?-
Jakob: Ich denke, während Ihr jetzt zu mir spracht und ich Euch Antwort gab, da spracht Ihr, ohne es zu wollen und ich gab Euch Antwort, ohne es zu wollen.-
Der Herr: Und dann?-
Jakob: Und dann? Ich dachte, wir seien zwei richtiggehende lebende und denkende Automaten.

Setze eine Ursache, und es wird eine Wirkung daraus folgen. Aus einer schwachen Ursache entsteht eine schwache Wirkung, aus einer augenblicklichen Ursache eine Wirkung von einem Augenblick; aus einer behinderten Ursache folgt eine verlangsamte Wirkung, und aus einer abnehmenden Ursache gar kein Wirkung.

Der Herr: Aber mir scheint, ich fühle, daß ich frei bin, wie ich auch fühle, daß ich denke.-
Jakob: Mein Hauptmann pflegte zu sagen: ‚Ja, jetzt gerade, da du nicht willst; doch wolle einmal dich von deinem Pferd stürzen‘.
Der Herr: Nun, dann werde ich mich eben hinunterstürzen.-
Jakob: Fröhlichen Herzens, ohne Widerwillen, ohne Überwindung, so wie Ihr’s tätet, wenn Ihr etwa vor der Tür einer Herberge absteigen möchtet?-
Der Herr: Nein, nicht ganz so. Doch was macht das aus, wenn ich mich nur überhaupt hinunterstürze und mir dergestalt beweise, daß ich frei bin?

Herr, man verbringt drei Viertel seines Lebens damit, zu wollen, ohne etwas zu tun“.

Denis Diderot wurde heute vor 300 Jahren am 5. Oktober 1719 in Langres (Frankreich) geboren.

Werbung

Diskussionen

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Photoarchiv

%d Bloggern gefällt das: