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Marginalia

Flecken auf der Geige abspielen

DiePareidolie2 Holzstruktur, die beim Absägen eines Baumes zum Vorschein kommt, könnte der Form nach an ein Huhn erinnern. Die Frage, ob dieses Huhnartige auch dann als solches vorhanden wäre, wenn man den Baum nicht abgesägt hätte, oder vielmehr, wenn ich es nicht betrachtet hätte und mir diese Gedanken gekommen wären, erscheint müßig. Dennoch ist sie nicht ganz ohne Reiz. Georg Christoph Lichtenberg berührt mit den folgenden Worten einen ganz ähnlichen Aspekt:

„Euler sagt in seinen Briefen über verschiedene Gegenstände aus der Naturlehre …, es würde eben so gut donnern und blitzen, wenn auch kein Mensch vorhanden wäre, den der Blitz erschlagen könnte. Es ist ein gar gewöhnlicher Ausdruck, ich muß aber gestehen, daß es mir nie leicht gewesen ist, ihn ganz zu fassen. Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff sein etwas von unserm Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine empfindenden und denkenden Geschöpfe mehr gibt, so ist auch nichts mehr. So einfältig dieses klingt, und so sehr ich verlacht werden würde, wenn ich so etwas öffentlich sagte, so halte ich doch so etwas mutmaßen zu können für einen der größten Vorzüge, eigentlich für eine der sonderbarsten Einrichtungen des menschlichen Geistes. Dieses hängt wieder mit meiner Seelenwanderung zusammen. Ich denke, oder eigentlich, ich empfinde hierbei sehr viel, das ich nicht auszudrücken im Stande bin, weil es nicht gewöhnlich menschlich ist, und daher unsere Sprache nicht dafür gemacht ist. Gott gebe, daß es mich nicht einmal verrücke macht. So viel merke ich, wenn ich darüber schreiben wollte, so würde mich die Welt für einen Narren halten, und deswegen schweige ich. Es ist auch nicht zum Sprechen, so wenig als die Flecken auf meinem Tisch zum Abspielen auf der Geige.

Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher [K 45]

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Flecken auf der Geige abspielen

  1. Verrückt zu werden an den herrlichen Bilder die einem von der Natur gemalt geschenkt werden hatte ich nie.
    Die Bilder, die mir in meinem Leben zufällig begegnet sind, machen mir manches Mal mehr Freude als das Werk eines menschlichen Künstlers. 🙂 Vielleicht gerade weil manche in ihrer Vergänglichkeit, nichts weiter sind als Momentaufnahmen und man selbst das Gefühl hat, dieser Moment wurde einem eben mal so geschenkt,
    einfach nur weil man zur rechten Zeit am rechten Ort hingeschaut hat.

    Verfasst von San-Day | 29. Juli 2016, 08:14
  2. Das sehe ich genau so. Man muss allerdings einen Blick für solche Begegnungen in der Umwelt entwickeln. Was sich dann zwischen dem bemerkenswerten Anblick und der eigenen Fantasie entwickelt ist vermutlich dem ähnlich, was man beim Betrachten vom Menschen gemachter Kunstwerke abspielt.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 29. Juli 2016, 10:15

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