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Marginalia

Unterkühlte Schönheiten

Eispflanze3bJe nachdem, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt, unterwegs ist oder vor dem Fenster sitzt, kann gefrierender Regen als extrem störend oder als schön empfunden werden. Letzteres ist insbesondere der Fall, wenn der Regen vorbei ist und die Welt wie ein funkelnder Glaspalast erscheint. In jedem Fall handelt es sich um ein eindrucksvolles Naturphänomen. Extrem unterkühltes Wasser gefriert an der Stelle, an der es auftrifft: auf dem Boden, auf Bäumen und anderen Pflanzen. Alles wird mit einer mehr oder weniger dicken transparenten Eisschicht überzogen. Diese Eisschicht kann im Extremfall zur Last werden, unter der Bäume zusammenbrechen und Strommasten einknicken:

Eispflanze15(Es)…fiel ein seltsamer sanfter, supergekühlter Regen über weite Teile des New Yorker Westens herab. Er überzog jede Stromleitung mit einem vollkommen, fast zwei Zentimeter dicken Eiszylinder, von dem in einem idealen Abstand Eiszapfen herabwuchsen, ähnlich den Zinken an einem Rechen, und alle waren gleich lang. Der Frost hielt sich bis Dienstagmorgen. Am Montag sah man, wenn man ein paar Minuten aus dem Fenster schaute, vor einem Hintergrund glitzernder Ace- Kämme mit ziemlicher Sicherheit einen Ast von einem Baum herabkrachen. Es war windstill, und das war es auch am ersten Abend gewesen. Der Eisregen wirkte mehr wie eine Demonstration der Geduld erfordernden Prinzipen des Kerzenmachens als ein Regen. Aus der Entfernung war der Effekt des Eises weiß, aber wenn man nahe genug an einen Baum herantrat, daß man vom unablässigen Betperlengeknackel seiner Mäander umschlossen war, bereit, sich jeden Moment zu ducken, sah man daß er von einem klaren und verstörend sauberen Arrangement makelloser Pipetten und Teströhrchen umschlossen war, von dem jedes in einen komplexen kryopharmazeutischen Experiment ein vormals natürliches Element des Organismus bar: ein Knospe, einen Zweig, einen jener munteren Burschen, bei denen man darauf gezählt hatte, daß sie in ein paar Monaten wie gewohnt funktionieren würden.

Baker, Nicholson: U&I. Wie groß sind die Gedanken. Reinbek: Rowohlt 1999, S. 349f

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