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Marginalia

Sand im Getriebe der Welt

Sand-1Wie Sand am Meer
Moses

Sand ist nicht nur ein aktueller Untersuchungsgegenstand der Physik der granularen Materie, sondern eine in vielfältiger Bedeutung verwendete Metapher. Dies hat der Sand nicht nur seinem häufigen Vorkommen am Strand, in Wüsten und im Erdreich zu verdanken, sondern auch seiner Eigenschaft – trotz oder vielleicht wegen seiner strukturellen Schlichtheit – als Passepartout für alles Mögliche einsetzbar zu sein.
To see a World in a Grain of Sand, / And a Heaven in a Wild Flower, / Hold Infinity in the palm of your hand, / And Eternity in an hour… (Um eine Welt in einem Sandkorn zu sehen / und einen Himmel in einer Wildblume, / halte die Unendlichkeit in der Fläche deiner Hand / und die Ewigkeit in der Dauer einer Stunde… William Blake).
Sand gilt als Inbegriff der Vielzahl, Häufigkeit, Unermesslichkeit und Unendlichkeit: „Wie Sand am Meer“ (Moses).
Er (Gott, HJS) ist aber auch im Sand des Meeres unermeßlich den noch kein Linné nach seinen Gestalten geordnet hat (Georg Christoph Lichtenberg).
Sand ist in einem Übermaß vorhanden, das zum Überdruss führen kann: The Walrus and the Carpenter / Were walking close at hand; / They wept like anything to see / Such quantities of sand: / „If this were only cleared away,“ / They said, „It would be grand!“
(Das Walroß und der Zimmermann / Spazierten hier am Strand / Und weinten herzlich über den / Entsetzlich vielen Sand: „O weh und ach!“ so seufzten sie, / „Der Sand nimmt überhand!“
Lewis Carroll)
Das Sandkorn steht oft für Anonymität und Marginalität. …es war einmal ein Sandkorn, das sich beklagte, ein unbekanntes Stäubchen in der Wüste zu sein; im Verlauf von ein paar Jahren wurde es zum Diamanten, und gegenwärtig bildet es den schönsten Schmuck in der Krone des Königs von Indien (Voltaire). Damit ist die Schönheit und Härte angesprochen.
In der Summation können Sandkörner nicht nur als Dünen in Wüsten, sondern auch zu (Sandstein-) Gebirgen aufgetürmt zum Hindernis werden: Diejenigen Berge, über die man im Leben am schwersten hinwegkommt, häufen sich immer aus Sandkörnchen auf (Friedrich Hebbel).
Die Unermesslichkeit des Sands führt darüber hinaus dazu, dass sich vieles im Sande verläuft und das nicht nur in der Wüste. Aber auch einzelne Körner können bereits den reibungslosen Ablauf der Dinge stören, etwa als Sand im Getriebe.
Das metaphorische Knirschen des Sandes spürt man dann, wenn jemand einem Sand in die Augen streut, um den Blick zu trüben. Dies kann in guter Absicht geschehen, wenn es sich um das Sandmännchen handelt: Und wo er noch ein Kindchen fand, / streut er ins Aug‘ ihm Sand (Abendlied). Oder in böser Absicht, wenn man jemanden täuschen will.
Sand ist nicht nur natürliches, sondern auch künstliches Baumaterial. Als fester Bestandteil des aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken Betons, das als Inbegriff des Festen, Unzerstörbaren gilt, aber auch des zerbrechlichen Glases bestimmt er das Aussehen unserer Behausungen und Städte in sehr konkreter Weise. Und als Siliziumoxid ist Sand auch die Grundsubstanz für Solarzellen und andere Halbleiter, ohne die die moderne Welt, wie wir sie heute kennen, nicht denkbar.
Sand ist eine sehr zwiespältige Substanz, die sich nicht in das übliche Schema: Fest-Flüssig-Gasförmig einordnen lässt. Trockener Sand rinnt wie Wasser durch die Finger, nimmt wie Wasser die Form des Gefäßes an, in das er fließt, während nasser Sand sehr fest werden, aber bei Feuchtigkeit im Übermaß wiederum eine sehr flüssige Substanz bilden kann.
Auf Sand zu bauen, kann daher geradezu gefährlich sein und …der ist dem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute. / Da nun ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall (Matthäus 7/26).
Wegen der leichten Verschiebbarkeit der Sandkörner gegeneinander eignet sich der Sand auch vorzüglich, sich von der Außenwelt abzuschotten: Da sind welche, die halten es mit dem Vogel Strauß und stecken den Kopf in den Sand und wollen nichts wissen (Theodor Fontane).
Kinder spielen geradezu sprichwörtlich im Sand und genießen die Sandburg ebenso wie das Rinnen des Sandes durch die Finger:
Kindersand / / Das Schönste für Kinder ist Sand. / Ihn gibt’s immer reichlich / Er rinnt unvergleichlich / Zärtlich durch die Hand (Joachim Ringelnatz).
Und wenn man den Sand gegen den Wind wirft, kommt er nicht selten zum Ausgangspunkt zurück: You throw the sand against the wind, / And the wind blows it back again (William Blake).
Allgemein kann man sagen: Sandkörnchen laufen, laufen, / Zu Diensten gern dem Sein, / Begräbnisse und Taufen / Beziehn sie rieselnd ein… (J.v. Guenther):
Wenn einem die Dinge, die Zeit, das Leben, wie Sand durch die Finger rinnen, zeigt sich der Sand in seiner ganzen Fluidität, Flüchtigkeit und Strukturlosigkeit: Und während der ganzen Nacht beobachtete ich meine Soldaten im Grieseln des Sandes, der sich abhob und quer über das Land lief, um die Dünen abzuspulen und an eine wenig entferteren Stelle wieder neu zu bilden. Es war eine zeitlose Nacht, in der der Mond aufleuchtete und wieder verschwand im rötlichen Dunste, den die Winde hinter sich herschleppten (Antoine de Saint- Exypéry).
Durch die Beweglichkeit des Sandes werden jedoch nicht nur alte Strukturen vernichtet; es werden auch neue erschaffen: Ich sei wie eine Wüste, hatte er mir einmal gesagt, die mit jedem Sandsturm eine neue Landschaft entwirft, die keine Spur von der vorausgegangenen mehr läßt (Dagmar Leupold).
Sand ist in gewisser Weise wie die Schrift. Ohne Zusammenhang und Zusammenhalt sind Buchstaben und Wörter wie Sand ohne Bedeutung. Schon Comenius nutzt diese Sandmetaphorik, um auf Probleme des Lehrens und Lernens aufmerksam zu machen: Gleichzeitig werden die Kinder mit Wörtern ohne Dinge vollgestopft; die Dinge, fruchtbarer zu gestalten. Und auch die Zusammenhänge der Ausdrücke, die es in jeder Sprache gibt, werden nicht erklärt (…). Die Wörter sind aber nichts anderes als die Zeichen der Dinge. Wenn man diese nicht berücksichtigt, was haben sie dann noch für einen Sinn? Ein Kind mag Tausende von Wörtern lernen, aber welchen Nutzen hat es davon, wenn es sie nicht auf die Dinge beziehen kann? Und wer glaubt, daß man aus isolierten Wörtern eine Rede machen kann, der meint, man könne Sand zusammenkitten, wenn man ihn fest in der Hand preßt, oder man könne eine Mauer ohne Mörtel errichten (Johann Amos Comenius).
Sand wird aber auch als Träger für Geschriebenes angesehen: Auf dem Sand / die vogelschrift: / Erinnerungen an den Wind.
Es vergeht, luftiges Alphabet, / die geschwinde Schrift der Vögel. / Der Sperber, / einsam dort in der Höh, / fliegt ein Zeichen, / das sogleich / sich auflöst in Licht , in Luft.// Dort oben / schreiben die Sterne / immer das gleiche Wort. //Sehe die Sterne schreiben. / Ohne zu verstehen begreif ich: / auch ich bin Schrift / und eben jetzt / entziffert mich jemand
(Octavio Paz).
Seiner Klagen Reim‘, in Sand geschrieben, / Sind vom Winde gleich verjagt (Johann Wolfgang von Goethe).
Die Lesbarkeit des geformten Sandes gehört auch zum Assoziations- System von Georg Christoph Lichtenberg:
Denn bei Erklärung der Schwingungen in dem Assoziations-System kann auch mein bekannter Satz, daß man in der Lage des Sands die Kräfte lesen könne, die ihn hinein gebracht, (…), was ist die Gestalt der Erde und der Felder anders als eine Tafel auf der sich alle die Kräfte lesen lassen, die auf sie gewürckt haben? (Georg Christoph Lichtenberg).
Sand hat trotz einiger großer Unterschiede Gemeinsamkeiten mit dem Schnee, die sich auch in der Metaphorik beider Substanzen äußern und auf die Thomas Mann explizit hinweist: Er fand es demjenigen am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, diese tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterbleibt, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf als auf Parkett,- genau so leicht und angenehm wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres“ (Thomas Mann).
Bedeutungsvoller Sand! Doch, was ist Sand? Je näher wir einem Gegenstand in der Natur kommen, desto unbegreiflich(er) wird er, das Sandkorn ist gewiß das nicht wofür ich es ansehe (Georg Christoph Lichtenberg).

H. Joachim Schlichting

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