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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Fenster als Brennspiegel

Hohlspiegel_FairbanksVon Archimedes soll die Idee gekommen sein, im Jahre 212 v. Chr. während des 2. Punischen Kriegs die römische Flotte beim Einlaufen in Syrakus auf Sizilien mit Brennspiegeln in Brand gesetzt zu haben. Erwähnt wird diese Geschichte allerdings erst 700 Jahre später bei Anthemios von Tralles der als Mathematiker und Architekt in Konstantinopel arbeitete und ein Werk über Hohl- und Brennspiegel verfasste. Wie man bei der Vernichtung der Flotte zu Werke ging wird weder dort noch in späteren Darstellungen des Ereignisses berichtet. Damit die Geschichte wenigstens im Prinzip so hätte ablaufen können, kommt wohl nur ein Vorgehen infrage: Mit zahlreichen Planspiegeln die Sonnenstrahlen auf ein und denselben Punkt des zu entzündenden gut brennbaren Gegenstands zu richten.
In späteren Zeiten wurden Versuche unternommen, den Wahrheitsgehalt genau auf diese Weise experimentell zu überprüfen. Zuletzt versuchte es der griechische Ingenieur I. Sakkas im Jahre 1975. Dabei gelang es ihm, leicht brennbares Material mit Hilfe gebündelter Sonnenstrahlen über Entfernungen bis zu 100 Metern zu entzünden. Allerdings war das Projekt erst dann erfolgreich, als das Sonnenlicht mit 70 Spiegeln aus 1,70 mal 0,69 Meter großen planen, rückseitig mit Kupfer beschichteten Glasplatten mindestens 30 Sekunden lang genau auf ein Ruderboot gerichtet wurden. Ob unter den wesentlich ungünstigeren Verhältnissen zur Zeit Archimedes eine ganze Flotte hätte in Brand gesetzt werden können, bleibt daher fraglich.
An diese Geschichte wird man neuerdings immer mal wieder erinnert, wenn moderne Gebäude mit hohlzylinderförmigen oder gar hohlkugelförmigen Glasfronten ausgestattet werden, so dass dadurch zufällig im Brennpunkt dieses überdimensionalen Brennspiegels merkliche Erwärmungen bewirkt werden. Ein besonders drastisches Beispiel ist ein Hochhaus in London in der 20 Fenchurch Street des Architekten Rafael Viñoly, das wegen seiner Form auch Walkie-Talkie bzw. The Pint genannt wird. Noch während der Bauphase zog es auf spektakuläre Weise die Aufmerksamkeit auf sich, weil es aufgrund der hohlspiegelartig gekrümmten Form der Glasfassade das Sonnenlicht so stark fokussierte, dass im Bereich des Fokus befindliche Gegenstände zu Schaden kamen. So wurden beispielsweise Kunststoffteile von dort parkenden Autos verschmort und der Teppich eines Frisörladens in Brand gesetzt. Um während der Suche nach einer langfristigen Lösung weitere Schäden in Grenzen zu halten wurden vorerst drei Parkplätze gesperrt.
Dass die Bauherrn angesichts dieser Fernwirkungen ihres Hochhauses völlig überrascht sind und von einem „Phänomen“ (phenomenon) sprechen, zeigt einerseits, dass die Geschichte von Archimedes und der Römischen Flotte völlig in Vergessenheit geraten ist und dass es mit physikalischem Sachverstand nicht weit her ist. Zeigen sich hier erste praktische Auswirkung eines zunehmenden physikalischen Analphabetismus?

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