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Marginalia

Grenzenloses Vertrauen zur Drehimpulserhaltung

Fahrrad_NaturgesetzeEin ruhender Gegenstand wird oft als Inbegriff von Stabilität angesehen. Ein Stuhl mit vier Beinen steht unverrückbar auf dem Boden. Erst wenn Bewegung ins Spiel kommt, wenn man beispielsweise mit dem Stuhl kippelt, wird die Situation instabil und es kann zu spektakulären Um- bzw. Unfällen kommen.
Es kann aber auch umgekehrt sein, nämlich dass ein bewegter Gegenstand stabiler gegen solche Umfälle ist als ein ruhender. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind der Kreisel und das Fahrrad. Beim Kreisel ist es die Drehimpulserhaltung, die den rotierenden Kreisel daran hindert, einfach so umzufallen, wie er es täte, wenn er in Ruhe wäre. Beim Fahrrad hält sich hartnäckig das Gerücht, dass auch hier die Drehimpulserhaltung (der rotierenden Räder) entscheidend ist. Sie spielt allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist der Einfluss der Trägheit (genau genommen ist auch das „Ausweichen“ des Kreisels ein Trägheitseffekt, aber der ist hier nicht gemeint.). Unter Trägheit verstehen wir die in vielen Situationen anzutreffenden Eigenschaft von Gegenständen, im Zustand der Ruhe oder geradlinig gleichförmigen Bewegung zu verharren, solange keine äußere Einwirkung erfolgt. Wenn ein Ball in Ruhe ist, so muss ich eine Kraft aufwenden, ihn in Bewegung zu setzen. Wenn es dann aber in Bewegung ist, „möchte“ er auch in Bewegung bleiben und wenn ich ihn fange und damit wieder zur Ruhe bringe, muss ich abermals Kraft aufwenden, um ihn zu bremsen.
Beim Fahrrad ist es ähnlich. Wenn das Fahrrad nach rechts zu kippen droht, betätige ich den Lenker. Ich drehe ihn und damit das Vorderrad aber nicht nach rechts – damit würde ich den drohenden Sturz nur noch beschleunigen – sondern ebenfalls nach rechts. Wegen der Trägheit „möchte“ das Fahrrad aber die dadurch eingeschlagene Kurve nicht mitmachen, sondern in der Geradeausrichtung bleiben – mit dem notwenigen Ergebnis, dass das sturzgefährdete Rad wieder aufgerichtet wird. Diese Steuerung unter Einsatz der Trägheit wird von einem erfahrenen Fahrradfahrer unbewusst durchgeführt, so dass man von diesen Kurven gar nichts sieht. Allenfalls beim sehr langsamen Fahren könnte sich auf einem weichen Untergrund eine leichte Schlängellinie zeigen. (Genaueres kann man hier nachlesen).
Die Steuerung muss nicht unbedingt durch direkte Bewegung des Lenkers erfolgen. Die Vordergabel mit Lenker sind so konstruiert, dass schon leichte Gewichtsverlagerungen reichen, den Lenker und damit das Vorderrad in die eine oder andere Richtung zu drehen. Deswegen kann man auch freihändig fahren oder die Kunststücke ausführen, von denen in der folgenden Erzählung die Rede ist.

Ich kletterte kaum noch auf Bäume. Hingegen besaß ich ein eigenes Fahrrad, und zwar das ehemalige Rad meines Bruders mit Rennlenker und Dreigangkettenschaltung, auf dem ich die alte Rekordzeit von dreizehneinhalb Minuten für eine Fahrt von Unternsee zur Villa Funkel mit zwölf Minuten fünfundfünfzig Sekunden um nicht weniger als fünfunddreißig Sekunden unterbot gestoppt auf meiner eigenen Armbanduhr. Ich war überhaupt – um das in aller Bescheidenheit zu erwähnen – zu einem glänzenden Radfahrer geworden, nicht nur was Schnelligkeit und Ausdauer, sondern auch was Geschicklichkeit betrifft. Freihändig Fahren, freihändig Kurven Fahren, Wenden im Stand oder mittels Vollbremsung und Schleudereffekt stellten für mich kein Problem dar. Ich konnte sogar während der Fahrt mit den Füßen auf den Gepäckträger steigen – eine zwar sinnlose, aber artistisch beeindruckende Leistung, die von meinem inzwischen grenzenlosen Vertrauen zum mechanischen Drehimpulserhaltungssatz beredtes Zeugnis ablegt. Meine Skepsis gegen das Radfahren hatte sich vollkommen verloren, sowohl in theoretischer wie in praktischer Hinsicht. Ich war ein begeisterter Radfahrer. Radfahren war fast wie Fliegen (Aus: Süskind, Patrick: Die Geschichte von Herrn Sommer. Zürich 1991)

Das Vertrauen in den Drehimpulserhaltungssatz oder allgemeiner in die Naturgesetze ist nicht nur bei Laien sehr ausgeprägt. Naturgesetze werden oft wie Beschwörungsformeln angewandt, ohne dass der Zusammenhang im Einzelnen nachzuvollziehen ist. Ich erinnere nur an das Bernoulligesetz, das bei fast allen unverstandenen Strömungsvorgängen bemüht wird, wenn man diese nicht so richtig durchschaut. Naturgesetze sind eben wirklicher als Stühle (Steven Weinberg).

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