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Marginalia, Physik und Kultur

Lesen, ohne die Weisheit zu verschlucken

Lichtenberg-und-das-BuchDieses bronzene Buch ist in Göttingen zu sehen. Mit dem Ausspruch: „Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen“, erinnert es an Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), der als erster Experimentalphysiker Deutschlands und Aufklärer viele Jahre in Göttingen gelebt und gelehrt hat. Auch wenn in diesem Satz das viele Lesen kritisch gesehen wird, schätzt Lichtenberg das „gute“ Buch sehr hoch ein, und das Lesen spielt in seinem Leben eine wichtige Rolle. Deswegen rät er jedem: „Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an“. Und die Frage: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“, lässt zumindest die Möglichkeit zu, dass die Ursache dafür ein Hohlkopf sein könnte.
Andererseits wäre Lichtenberg nicht der kritische Aufklärer, wenn er das Buch und das Lesen nicht auch kritisch hinterfragte: „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen. Wir haben keine Worte mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen. Der ist schon weise, der den Weisen versteht“. Beim Lesen kommt es ihm darauf an, „nicht bloß aus Beschreibungen anderer, sondern so viel wie möglich durch eigenes Anschauen“  zu schöpfen und neue Sehweisen zu probieren.
Dem stehe aber unter anderem entgegen, daß „die Deutschen …zu viel …lesen. Darüber, daß sie nichts zum zweitenmal erfinden wollen, lernen sie alles so ansehen, wie es ihre Vorfahren angesehen haben. Der zweite Fehler ist aber gewiß schlimmer, als der erste“ . Überhaupt hält er das „passive“ Lesen für unproduktiv: „Ich vergesse das meiste was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe, ich weiß aber so viel, beides trägt nichts desto weniger zur Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei“ .
Außerdem berge das Lesen die Gefahr, daß man „nur einströmen (läßt) ohne Vorteil“: „Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen“. Denn „daß Leute, die so erstaunlich lesen, oft so schlechte Denker sind, kann seinen Grund ebenfalls in der Beschaffenheit unseres Gehirns haben. Es ist ja wahrhaftig nicht einerlei ob ich einen Satz ohne Mühe lerne, oder ob ich selbst nach meinem System endlich darauf komme. Beim letztern hat alles Wurzeln, beim erstern ist es bloß angeklebt“.
Lichtenberg nimmt hier vorweg, was in der pädagogischen Literatur unserer Tage Einwurzelung genannt wird und in der Handlungsorientierung des Lernens seine theoretische Begründung findet. Für ihn haben insbesondere gute Bücher, „gemeiniglich … die Würkung, (daß) die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger und die übrigen Tausende …ungeändert“ bleiben.

Zitate aus: Lichtenberg; Georg Christoph: Schriften und Briefe. Sudelbücher I und II. Carl Hanser Verlag: München 1980.

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