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Marginalia

Nix als Schnee – Schnee und Nichts

Schnee_NixSchneeflocken sind kleine Kunstwerke, die jede für sich von einzigartiger Gestalt daherkommen. Lässt man Flocken auf die Hand fallen, um sie in all ihrer Schönheit betrachten zu können, muss man sich beeilen, weil sie in dem Maße verschwindet, wie man die Details aufnimmt. Und eh man sich versieht, ist da nix mehr. Schnee und Nix, vulgo Nichts, liegen also dicht beieinander. Im Lateinischen heißt Schnee „nix“. Diesen wohl eher zufälligen Zusammenhang hat schon im Jahre 1611 Johannes Kepler in einem Begleitbrief zu einem Neujahrsgeschenk an seinen Freund und Mäzen Johan Matthäus Wacker von Wackenfeld angesprochen. Das Geschenk selbst war eine Abhandlung über den sechseckigen Schnee „Strena seu de Nive sexangula“, die eine der ersten Schriften darstellt, in der die hexagonale Struktur der Schneeflocken angesprochen wird. In diesem Brief heißt es:

Da ich wohl weiß, wie sehr Du das „Nichts“ liebst, nicht etwa wegen seiner Billigkeit, sondern wegen des so heiteren und lebendigen Spieles der lüsternen Sperlinge, so ist es mir ein leichtes zu vermuten, daß Dir ein Geschenk um so lieber und willkommener sein wird, je mehr es sich diesem „Nichts“ nähert. […]
Indes ich mit derlei Erwägungen ängstlich über die Brücke gehe, bestürzt ob meiner Unhöflichkeit, wenn ich vor Dir ohne ein Neujahrsgeschenk erschienen wäre, außer ich bringe Dir stets dasselbe Lied spielend eben dieses Nichts dar, und da ich nichts fand, was dem Nihil am nächsten käme und woran sich die Schärfe des Geistes erproben ließe, fügt es ein glücklicher Zufall, daß die Feuchtigkeit  durch die Kraft der Kälte sich zu Schnee verdichtet und einzelne Flocken auf mein Gewand herabfallen, alle sechseckig und mit bärtigen Strahlen. Ei, beim Herkules, da ist ja ein Ding, kleiner als ein Tropfen und dennoch geformt, ei, da haben wir ja ein höchst erwünschtes Geschenk für einen Liebhaber des Nichts, das auch wert ist, von einem Mathematiker, der nichts hat und nichts erhält, geschenkt zu werden, weil es vom Himmel herabkommt und mit den Sternen Ähnlichkeit besitzt. 
(Neujahrsgeschenk, oder über die Sechseckform des Schnees, 1611 (dt. 1907)) –

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