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Marginalia

Der Wein, der Wein macht nicht nur froh…

Was hatte sich Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781) eigentlich gedacht, als er das neue, Kopernikanische Weltbild, wonach sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, als Ergebnis eines übermäßigen Weingenusses ansah? Seinem folgenden Gedicht nach, haben die Astronomen die weinbedingten Einschränkungen beim Stehen und Gehen als Ausdruck der bewegten Erde interpretiert uns seien so zu der unglaublichen Theorie gekommen.

SonnenuntergangDer neue Weltbau

Der Wein, der Wein macht nicht nur froh,
er macht auch zum Astronomo.
Ihr kennt doch wohl den großen Geist,
nach dem der wahre Welt-Bau heißt?
Von diesem hab‘ ich einst gelesen,
daß er beym Weine gleich gewesen,
als er der Sonne Stillestand,
die alte neue Wahrheit fand.
Der Wein der Wein macht nicht nur froh,
er macht auch zum Astronomo.
Hört! hört, ihr Sternenfahrer hört,
was mir der Wein, der Wein gelehrt!
So kann der Wein den Witz verstärken!
Wir laufen selbst, ohn‘ es zu merken,
von Osten täglich gegen West!
Die Sonne ruht. Die Welt steht fest!

Lessing ist heute, am 15. Februar vor 234 Jahren, gestorben und war nicht der einzige der damaligen Geistesgrößen, die die Bewegungsverhältnisse von Erde und Mond ganz naiv nach ihrem unmittelbaren Empfinden einschätzten. Martin Luther spricht seine Ablehnung noch offener aus und nennt Kopernikus „einen Narren…der beweisen wollte, daß die Erde bewegt würde und umginge, nicht der Himmel oder das Firmament, Sonne und Mond…, der Narr will die ganze Kunst Astronomia umkehren!“ Auch Johann Wolfgang von Goethe lässt seinen Faust fragen: „Wölbt sich der Himmel nicht da droben?/ Liegt die Erde nicht hierunten fest?/ Und steigen freundlich blickend/ Ewige Sterne nicht herauf?“ Auch heute sind wir nicht in der Lage, die Bewegungen der Erde mit unserem Körper zu spüren, so wie man Bewegungen auf einem Karussell spürt. Aber wir haben gelernt, Verhältnisse zu akzeptieren, die wir zwar denkend erschließen, aber nicht unmittelbar so empfinden können, wie wir sie in einem menschlichen Maßstab zu empfinden gewohnt sind. Außerdem sind Bewegungen immer relativ und daher sprechen wir auch heute noch von einem Sonnenuntergang. Wie wollte man das Ereignis auch sonst wohl benennen.

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