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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Im Jahr des Lichts (10) – Der Mond geht mit

Mitgehender-Mond_rv„Wir saßen nebeneinander in der Straßenbahn, und ich wunderte mich die ganze Zeit über den Mond, der hoch über uns mitzufahren schien. Wenn die Straßenbahn hielt, hielt auch der Mond, und wenn sie wieder anfuhr, fuhr auch der Mond weiter bis zur nächsten Haltestelle. Und als wir nach drei Stunden wieder nach Hause führen, war auch der Mond wieder da und begleitete uns fahrend nach Hause. Als wir ausstiegen, stieg auch der Mond aus und ging mit uns zur Haustür. Als Kind hielt ich es für nicht völlig ausgeschlossen, daß es am Himmel eine Straßenbahn gab, eine Extrastraßenbahn nur für den Mond. Seltsamerweise drängt es mich nicht, meine Mutter um Aufklärung zu bitten. Ich wartete nur immer wieder darauf, daß der Mond in seine Straßenbahn stiege und uns begleitete, nur uns, meine Mutter und mich; ich glaubte nämlich, ich sei der einzige, der von der Himmelsbahn des Mondes wüßte“. (Aus: Genazino, Wilhelm: Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Reinbek 2000).

Wilhelm Genazino beschreibt hier sehr schön das Erlebnis, das wohl viele Kinder so oder ähnlich gehabt haben. Der Mond ist immer bei ihnen, er begleitet sie in der Dunkelheit, er scheint eine persönliche Beziehung zum Kind zu haben. Dass andere Kinder in anderen Ländern zur selben Zeit vergleichbare Erfahrungen machen, kommt ihnen natürlich nicht in den Sinn. Dem mitgehenden Mond der Kinder haben Lernpsychologen und Didaktiker wiederholt Aufmerksamkeit geschenkt. Hier eine Passage aus einem Werk von Jean Piaget:

SAR (7 Jahre): „Was tut die Sonne, wenn du spazieren gehst? – Sie bewegt sich. Wenn ich mich nicht bewege, bewegt sie sich auch nicht. Und der Mond ebenfalls. – Und wenn du rückwärts gehst? – Dann kehrt sie um.

KENN (7 Jahre): „Hast du den Mond schon gesehen? –Ja. – Was geschieht dabei? – Er folgt uns. – Folgt er uns wirklich? –Ja. – Geht er nicht vorwärts? – Nein. – Also folgt er uns nicht wirklich? – Er folgt uns. – Warum folgt er uns? – Um uns den Weg zu zeigen. – Kennt er den Weg? –Ja. – Welche Wege? – . . . – Kennt er die Wege in Genf? –Ja. – Die Wege auf dem Salève? – Nein. – Die in Frankreich? – Nein. – Und die Leute in Frankreich? Was tut der Mond bei ihnen? – Er folgt ihnen. – Hat es den Mond dort auch? –Ja. – Ist es der gleiche wie hier? – Nein, ein anderer.

Wir haben GIAMB als 7jährigen schon im Zusammenhang mit der Magie kennengelernt (Kapitel IV, Abschnitt 2). Wir konnten das Kind im Alter von 8 ½ Jahren noch einmal befragen: Es glaubte noch immer, die Gestirne würden ihm folgen. „Wenn du spazieren gehst, was tut dann die Sonne? – Sie folgt uns.“ „Und der Mond? –Ja. wie die Sonne. – Wenn jemand dir entgegenkommt, welchem von beiden folgt er dann? – Er folgt dem einen, und wenn der heimkommt, folgt er dem anderen.

BLOND (8 Jahre): Der Mond „geht mit uns, er folgt uns. – Folgt er uns wirklich. oder sagt man nur, er folge uns? – Er folgt uns wirklich.

SART (12 Jahre): „Kann der Mond tun, was er will? –Ja, wenn man geht, folgt er uns.

(Aus: Jean Piaget: Das Weltbild des Kindes. München 1992)

Physikalisch geht es um das Phänomen der Parallaxe, wonach ein Gegenstand scheinbar seine Position verändert, wenn man sich relativ zu ihm bewegt. Je weiter ein Gegenstand entfernt ist, desto kleiner ist seine Parallaxe. Sehr weit entfernte Gegenstände wie der Mond oder die Sonne scheinen sich überhaupt nicht mehr zu bewegen, wenn man sich selbst bewegt. Das wird dannas naiverweise so interpretiert, dass der Gegenstand sich mitbewegt. Interessant ist, dass diese Erfahrung auch von Kindern als bemerkenswert angesehen wird. Das liegt vermutlich daran, dass außer Sonne und Mond keine weiter entfernten Objekte so auffällig sind, dass sie in die Alltagserfahrung der Kinder integriert würden.

Der Mond hat noch ganz andere Aspekte. Er ist eine Art Spiegel der Erde, manchmal übertreibt er, ganz selten legt er sich einen Nebenmond zu, er fordert geradezu dazu auf, sich vorzustellen, wie wohl die Erde vom Mond aus aussieht. Hin und wieder gewinnt man den Eindruck, dass der Mond schielt. Und wer sich für den Zusammenhang zwischen Mond und Äpfeln interessiert, schaue hier nach. Zumindest in optische Hinsicht kann man auch auf der Erde Ähnlichkeiten mit dem Mond feststellen.

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Im Jahr des Lichts (10) – Der Mond geht mit

  1. Du hast zwar den „Rebloggen“-Button, aber ich möchte doch lieber fragen, ob ich Deinen wunderbaren Beitrag in meinem Blog aufnehmen darf, am liebsten in den „Lesesaal“ 🙂

    Verfasst von Lisa Schmechel | 13. Juni 2015, 08:08
  2. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass auch in der heutigen von der visuellen Medien beherrschten Zeit, Sonne und Mond ihre Bedeutung in der Wahrnehmung der Kinder zu behalten scheinen. Leider gerät das später oft in Vergessenheit und wird erst dadurch wieder bewusst, dass es – meist von Dichtern und Denkern – aus der Erinnerung hervorgekramt wird. Daher freue ich mich, wenn durch ein Rebloggen das Phänomen der menschlichen Verbundenheit mit Sonne, Mond und Sternen einmal mehr angesprochen wird. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, dass ich meiner Tochter als Kind vor dem Schlafengehen immer noch mal einen Blick auf den Mond gewähren musste, soweit die astronomischen und meteorologischen Bedingungen es eben zuließen.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 13. Juni 2015, 09:43

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