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Marginalia

Die Zukunft hat schon begonnen…

Zukunft-1

„Gerade als unter Mithilfe von Columbus allen endgültig klar wurde, daß die Erde rund – also rundum begrenzt – sei, als unter Mitwirkung von Kopernikus sich die Überzeugung durchsetzte, daß sie um die Sonne kreise – also selbst nur Teil eines nicht auf uns zentrierten Universums sei – , gerade in diesem Weltaugenblick beschlossen die Erdeinwohner unter Anleitung von Vordenkern wie Francis Bacon, zur Verlängerung, Steigerung, Verbesserung ihres eignen Lebens die Natur von Grund auf so richtig auszubeuten und hierbei auf eine keineswegs eigens bedachte Unendlichkeit mitten im Begrenzten zu zählen. Als ob der Verlust der fest im Glauben verankerten alten Unendlichkeit mit der Illusion einer neuen hätte aufgewogen werden müssen. Dieser Wandel hat sich zunächst ganzl angsam vollzogen, hat rund dreihundert Jahre gezögert, aber dann im 19. Jahrhundert kam die Beschleunigung. Einerseits hielt man nun die Erde blindlings für ein unerschöpfliches Reservoir an Vorräten und Überraschungen wie eine Riesenweihnachtsbescherung; nebenher aber sollte bei aller Zumutung an Abfall das Wasser trotzdem ewig kristallen sprudeln, die Luft sollte trotz qualmender Schornsteine uns immer frisch umfächeln. Man hat wohl an Zauberei geglaubt.
All dies widerspricht jedoch den Grundsätzen genau jener Wissenschaft, nach deren Regeln wir heute die Natur manipulieren. Daß Wasser salzig wird, wenn man Salz hineintut, daß Luft sich verändert, wenn man ihr Gase zufügt, dieses weiß jeder Chemiestudent im ersten Praktikum, wenn er Salzkonzentrationen mißt oder fluchtartig den übelriechenden Schwefelwasserstoffraum verläßt. Smog-Alarm findet jedoch nur statt, wenn bei winterlichem Hochdruck kein starker Wind weht. Als ob der Wind mehr könnte, außer Giftgase vom Entstehungsort anderswohin zu blasen. . .“
Aus: Wulfen von, Barbara; Lichtwende – Vorsorglicher Nachruf auf die Natur. Osnabrück, 1985

„Eine der mehr oder weniger unerwarteten, quälenden bis leidvollen Erfahrungen unserer modernen Welt ist, daß deren schönste Errungenschaften eine Schleppe von allerlei Mißliebigkeiten mitziehen, die wir >Nebenfolgen< zu benennen gelernt haben. Die einen halten das für Untertreibung, die anderen für lästige Fußnoten des Haupttextes. Was wäre – den Wiedergewinn des Sinnes von Sein und Welt, Leben und Geschichte vorausgesetzt – als Nebenfolge des ansonsten umweltschonenden Fortschritts zu gewärtigen?“
aus: Hans Blumenberg. Sorge geht über den Fluss. Frankfurt: Suhrkamp 1988

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Die Zukunft hat schon begonnen…

  1. Solange man an einen Rand der Welt glaubte, so lange war dieser Rand von der Rasse Mensch noch befreit. Muss ein echtes Paradies gewesen sein. Bis der Mensch kam um es zu ‚verbessern‘

    Verfasst von Da Wolf | 14. Januar 2016, 09:05

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