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Marginalia, Strukturbildung, Selbstorganisation & Chaos

Selbstorganisierter Applaus

Als ichUnfreiwilliger-Abfalleimer neulich diesen unfreiwilligen Abfalleimer mit Rädern sah, wurde ich an ein auf den ersten Blick völlig anderes Phänomen erinnert, das  ich vor Jahren mit einigen Freunden in einem Konzertsaal hervorgebracht habe. Es gelang uns gewissermaßen einem ganzen Konzertsaal unseren Willen aufzuzwingen. Dabei haben wir eine passende Situation ausgenutzt.
Das offizielle Konzert war bereits zu Ende. Der Dirigent hatte die Beifallsstürme bereits mit zwei Zugaben quittiert. Es sah nicht so aus, als ob er eine dritte geben würde. Da jedoch rege weitergeklatscht wurde und sich kaum einer anschickte zu gehen, sahen wir unsere Chance, dem Applaus und damit dem Wunsch nach einer weiteren Zugabe eine neue Qualität zu geben. Wir begannen auf ein verabredetes Zeichen aus Leibeskräften Rhythmisch zu klatschen. Das zog kurz darauf auch unsere Nachbarschaft mit und bald klatschte die ganze Gruppe um uns herum im selben Takt. Damit hoben wir uns lokal aus dem akustischen Einerlei des unregelmäßigen Klatschens heraus und bald darauf kam die Lawine ins Rollen. Ehe ich mich versah, schwoll der rhythmische Applaus an und erfaßte den ganzen Konzertsaal. Der ganze Saal ordnete sich dem von uns initiierten Klatschrhythmus unter. Ein individuelles lokales Klatschen trat aus der Gesamtheit lokaler Klatschereignisse heraus und wuchs sich zu einem globalen Phänomen aus: Der ungeordnete, unkorrelierte Zustand schlug in einen geordneten, hochkohärenten Zustand um.
Der Dirigent hat sich dem Aufforderungscharakter dieses eindeutigen unisono geäußerten Willens, dieser Kundgebung höchsten Gefallens nicht lange entziehen können. Er erschien erneut auf der Bühne, um dem Dank für so viel Anerkennung durch eine weitere Zugabe Ausdruck zu verleihen. In dem Moment als diese seine Absicht für jedermann erkennbar wurde, zerfiel das rhythmische Klatschen, das Ziel war erreicht, jeder konnte sich wieder seinem eigenen Klatschrhythmus hingeben bis der Dirigent den Taktstock als Startzeichen für ein neues Stück hob.
Wie war dieses phasenübergangsähnliche Verhalten eines Systems scheinbar unabhängiger Individuen möglich. Wodurch wurde die Verständigung erreicht, sich alle einem Rhythmus zu unterwerfen? Der Kontrollparameter der Begeisterung hatte den kritischen Punkt überschritten, bis zu dem sie sich in unregelmäßigem Applaus ausdrücken konnte: Der Ordnungsparameter der Klatschfrequenz machte einen Sprung, indem er einen festen Wert annahm. Dabei genügte eine Fluktuation in Form einer lokalen Lautstärkevariation, die sich aus dem Rauschen des unregelmäßigen Klatschens hervorhob und die Chance „wahrnahm“, das ganze System des Auditoriums auf den von dieser „Störung“ vorgegebenen Rhythmus zu verpflichten. Vielleicht wären an anderen Stellen durch Zufall ähnliche Störungen mit anderer Phase und anderem Rhythmus entstanden ebenfalls mit einer Chance, das System zum Übergang zu bewegen. Vielleicht wäre das, was wir bewusst herbeizuführen vermochten, von anderer Stelle durch Zufall oder durch den sprichwörtlichen Flügelschlag eines Schmetterlings in Südamerika ausgelöst worden.
Und was hat das nun mit dem mobilen Abfalleimer zu tun? Auch hier hatte jemand aus Versehen oder mit Absicht einen Fahrradkorb als Abfalleimer missbraucht. Ein anderer sah dies jetzt schon mit etwas größerem Recht genauso, und der dritte, vierte usw. folgte nun schon fast so, als hätten sie einen realen Abfalleimer vor sich. Leider hatte ich keine Zeit, so lange zu warten, um festzustellen, ob die Lawine so richtig bis zum Überquellen ins Rollen kam.

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Diskussionen

8 Gedanken zu “Selbstorganisierter Applaus

  1. nette geschichte…netter vergleich mit dem abfalleimer…

    Verfasst von lunochod | 28. Februar 2016, 08:18
  2. Danke für die Rückmeldung. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie oft man in alltäglichen Erscheinungen auch eine physikalische Dimension erkennen kann, auch wenn sie in einigen Fällen dem Alltag mühevoll abgerunden werden muss.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Februar 2016, 09:41
  3. Bei dem Abfalleimerfahrradkorb muss ich immer an eine „Gewissensfrage“ aus der Süddeutschen denken: Da war die Frage, ob man als Fahrradbesitzer moralisch legitimiert sei, den Abfall anderer Leute aus den dem eigenen Fahrdkorb zu nehmen und auf den Boden zu werfen, schließlich könne man nichts dafür, dass es im eigenen Korb gelandet sei; man vollendet quasi den Wegwurf, den ein anderer begonnen hat, und der „zufälligerweise“ vom Fahrradkorb unterbrochen wurde. Die Antwort war jedenfalls ein klares „nein“, denn ärgerlicherweise ist man auch für den Müll, der einem aufgedrängt wird, verantwortlich.

    Verfasst von Pfeffermatz | 28. Februar 2016, 10:41
    • Diesen Aspekt hatte ich noch gar nicht gesehen. Spontan bin ich aber auf Seiten des Gesetzgebers, wenn auch nicht aus reiner Gesetzestreue. Denn wenn man davon ausgeht, dass leere Fahrradkörbe einen gewissen Aufforderungscharakter besitzen – nicht nur für diejenigen, die gerade Abfall loswerden wollen und keinen offiziellen Abfalleimer finden, sondern auch diejenigen, die angesichts der gähnenden Leere eines leeren Korbs sich fast schon verpflichtet fühlen, ihm wie einem Bettler etwas zukommen zu lassen – kann ich ein gewisses Verständnis für den unkorrekten Gebrauch des Korbs aufbringen. Und diejenigen, die einen bereits Abfall enthaltenden Korb vorfinden, müssen ja geradezu in den lawinenartigen Sog geraten, es den Vergängern gleich zu tun. Wer als Fahrradbesitzer oder –besitzerin dann aus Ärger über den gefüllten Korb glaubt, durch ein Umstülpen desselben den Zustand der Leere wieder herstellen zu müssen und sich dabei auch noch an der Allgemeinheit vergeht, zeigt, dass ihm oder ihr diese Erwägungen völlig abgehen. Als Kompensation für dieses mangelnde Sensorium ist es dann m.E. nicht zu viel verlangt zu erwarten, dass der Korbinhalt dann wenigstens ordnungsgemäß entsorgt wird.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 28. Februar 2016, 13:43
  4. Mal von der wissenschaftlich / physikalischen Aspekt abgesehen , beweist diese Kausalität aus meiner Sicht nur eines, wir sind immer noch Herdentiere die mehr oder weniger erwarten geführt zu werden.

    Verfasst von ichkoche- Jacktels Rohkost | 14. Juni 2016, 10:46
  5. Da gibt es Studien unter dem Stichwort „Enaktivismus“: Phasenübergänge, die nach dem Kelso-Finger-Experiment im sog. HKB-Modell die Attraktoren/Repulsoren erfassen lassen. Literatur: Aguilera, Miguel et al. (2013): The situated HKB model: how sensorimotor spatial coupling can alter oscillatory brain dynamics, in: Frontiers in Computational Neuroscience Vol 7, S.1 -14. oder: Blaufuß, Markus (2001): Ein Neuansatz ganzheitlicher Bewegungsforschung im Rahmen der Theorie komplexer Systeme und nichtlinearer Dynamik, Phasenübergänge bei koordinierten bimanuellen Bewegungen: Experiment und Entwicklung eines Normalformmodells, Dissertation der TU München, URL: https://mediatum.ub.tum.de/doc/603173/603173.pdf (03.11.2016).

    Verfasst von Jürgen Dollmann | 22. Januar 2017, 16:24

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