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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Gesehen und doch übersehen

Gesehen_und_doch_übersehenWenn man zu tief ins Weinglas blickt, kann man manchmal sein wahres Wunder erleben. Aber auch schon ein harmloser Blick durch ein mit Wasser gefülltes Glas, kann zu erstaunlichen Ansichten führen. Im vorliegenden Fall schaut man auf einen zweifarbigen Hintergrund, nichts Besonderes eigentlich, wenn da nicht diese irritierende Vertauschung der beiden Seiten genau bis zum Füllstand des Wassers wäre und dabei so etwas wie ein Kreuz entstünde. Aufgrund von Anfragen zu diesem Phänomen werde ich versuchen, es möglichst einfach zu erklären, wobei ich auf nicht mehr als einige Relikte aus dem Optikunterricht der Schulzeit zurückgreife.
Zunächst muss man sich daran erinnern, dass man Gegenstände dadurch sieht, dass von ihnen Licht ausgeht und in unsere Augen gelangt: Die einfachste Vorstellung dazu ist, dass von jedem Punkt der „ins Auge gefassten“ Gegenstände Lichtstrahlen ausgehen. Müssen diese auf dem Weg zu unserem Auge durch ein durchsichtiges Medium hindurch – hier durch das mit Wasser gefüllte Weinglas – werden sie beim Grenzübertritt gebrochen, das heißt, sie werden umso stärker abgelenkt, je schräger sie auf die Grenzfläche auftreffen. Der gerade, also senkrecht, auf das Glas auftreffende mittlere Strahl geht weitgehend ungestört durch das Glas hindurch, während die Strahlen links davon nach rechts und rechts davon nach links abgelenkt werden. Sie überkreuzen sich infolgedessen, sodass das von den rechten Bereichen ausgehende Licht nach dem Durchtritt durch das Glas links gesehen wird und das Licht der linken Bereiche rechts. Das Glas wirkt also wie eine Sammellinse, im vorliegenden Fall näherungsweise wie eine Zylinderlinse. Im oberen Bereich des Glases, dort wo kein Wasser vorhanden ist, wird das Licht durch die dünne Glaswand kaum beeinflusst, sodass es dort zu keiner Vertauschung kommt.
Einfache Hintergründe wie dieses Rot-Blau-Muster sind eher geeignet, das Phänomen „auffallen“ zu lassen. Es tritt natürlich immer auf und die Netzhäute eines Jeden werden davon belichtet. Aber da im Trubel des Alltags kaum Jemand hinter den Netzhäuten steht und das Gesehene aufmerksam analysiert, bleibt das Phänomen meist unentdeckt.

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  1. Pingback: Der blamierte Skeptiker, oder: Ein Weinglas als Lupe | Die Welt physikalisch gesehen - 17. Dezember 2016

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