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Physik und Kultur

Zur physikalischen Dimension des Apfels

Apfel-als-Erde„Doch einmal brachte das meilenweit gereiste Familienhaupt vom Markt ein solch Naturgeheimnis mit von der Borsdorfer Art. Mit hochgeröteter Wange, mit schwarzem Butzen schalkhaft lächelnd und edlem Rund sanft geschmeidig nach beiden Polen sich dehnend, wie der große Euler, Neuton und Kopernikus das Weltenall beschreibt. – Warum soll nicht der Apfel nachahmen in seinem Rund, was jedem Geschöpf die Aufgabe ist des Werdens? – So zahlte das weltabgeschlossene Kindesherz mit der Sehnsucht verzehrendem Feuer in der Beschauung des Apfels den Tribut dem Geistesideal der Natur. – Dies brachte den kleinen Erdenwaller bald zu seiner Reise Ziel. Das innere Ideal steigerte seiner Begeisterung Flut; nirgend in der Wüste fand er, wo sie könne an sanftem Ufer sich ebnen: sie brauste hin in die Ewigkeit mit doppeltem Pulsschlag“ (Achim von Arnim (1781 – 1831): Dies Buch gehört dem König).

Seit dem Sündenfall ist eine schlichte Frucht, der Apfel, zum Symbol ganz unterschiedlicher Fälle geworden. So soll Isaac Newton davon ausgegangen sein, dass nicht nur die Erde einen fallenden Apfel anzieht, sondern auch der Apfel die Erde. Dies kommt in seinem Gravitationsgesetz durch eine symmetrische Abhängigkeit der Gravitationskraft von den Massen der beteiligten Körper, Erde und Apfel zum Ausdruck.
Ob der Apfel auf die Erde oder die Erde auf den Apfel fällt, ist also weitgehend Ansichtssache, wie in der folgenden Situation eines hinfallenden Menschen zum Ausdruck kommt, der dem Apfelwein zu sehr zugesprochen hat: „Ich tastete mich durch den Hof, bis der Hof sich plötzlich erhob und mir kräftig eins auf die Schnauze gab. Aber ich ließ mich nicht zurückhalten, nahm, wenn auch wankend, meinen Weg wieder auf, mehrmals kam der Hof wieder hoch und verpaßte mir viele Abreibungen hintereinander“ (Meneghello 1993).
Interessanterweise wird auch Newtons Einfall einer Vereinigung von freiem Fall und kreisenden Planeten als Ergebnis einer empirischen Begebenheit inszeniert. Dabei sollte für ihn wie schon für Adam der Apfelbaum zum Baum der Erkenntnis werden: Einer in verschiedenen Versionen vorkommenden Anekdote zufolge, fiel er ausgerechnet über einen fallenden Apfel, um auf den Fall der Planeten um die Sonne zu kommen und darin einen Sonderfall des freien Falls zu sehen. Vielleicht sah er den Apfel gerade (perspektivisch) gleich groß neben dem Mond im Hintergrund. Vielleicht verfiel er dadurch auch auf die Frage, warum sich diese Gleichheit nicht auch im Verhalten beider Objekte fortsetzen sollte. Denn für die entscheidende Tat Newtons, die Himmelskörper wie irdische Gegenstände anzusehen, die man gewissermaßen „in die Hand nehmen“ kann (Paul Valéry), gibt es – wie für die Entdeckung neuer, d.h. nicht durch Ableitungen aus dem Alten zu gewinnender Zusammenhänge – keine rationale Erklärung.
Die Frage, warum der Apfel vor Newtons Augen und es ihm dann wie Schuppen von den Augen fiel, muss hier unerörtert bleiben. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht spricht einiges dafür, dass der Apfel fallen musste, weil er reif war (Alexandre Koyré).
Auch die Version der Anekdote, wonach der Apfel Newton auf den Kopf gefallen sei, erscheint insofern plausibel, als durch den Aufprall auf den (ähnlich geformten) Kopf Newtons die ineinander verhakten Gedanken gelöst und seinen ausgefallenen Einfall bewirkt haben könnten. Denn „selbst der gute Kopf will angestoßen sein, um etwas Neues zu sehen“ (Lichtenberg 1972).
Darin, dass sowohl Mond, Kopf und Apfel für jedermann sichtbar vom platonischen Idealfall einer glatten Kugel abweichen, kommt außerdem die für die neuzeitliche Physik entscheidende Verknüpfung von lebensweltlichem Realismus und himmlischem „Idealismus“ zum Ausdruck.
Dieser Aspekt der Anekdote verdient deshalb besondere Beachtung, weil in der Apfelbaumszene an sich ein Rückfall in vorgalileische Zeiten gesehen werden kann: „Dem seit Menschengedenken fallenden Apfel war nichts anzusehen, was er (Newton; HJS) daran hätte beschreiben können. Die List der Sichtbarmachung der Fallbeschleunigung hatte längst Galilei gefunden. Gegenüber seinen Versuchen des verlangsamten Fallablaufs war der Apfel ein Rückschritt ins Vortheoretische, der nicht einmal die Veränderung der Fallhöhen erlaubte“ (Blumenberg 1997).
Läßt man sich schließlich vom Atmosphärischen der Anekdote verführen, so drängt sich die folgende Frage geradezu auf: „War nicht der im Garten am Fall des Apfels zur neuen Wissenschaft verführte Newton ein anderer Adam, insofern auch er über die weitere Geschichte der Menschheit entschied?“ Andererseits war die Welt „schon zu einheitlich und einförmig geworden, als dass es bevorzugte Blickrichtungen (wie die zum Himmel, HJS) überhaupt noch gegeben hätte, in denen etwas zu erfahren war, was in jeder anderen Blickrichtung nicht gleichfalls erfahren werden konnte“ (Blumenberg 1997).

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Diskussionen

6 Gedanken zu “Zur physikalischen Dimension des Apfels

  1. Einfach wunderbar, wie Sie physikalische Gesetze beschreiben un erzählen!

    Vielen Dank Joachim!

    Verfasst von kunstschaffende | 21. Juni 2016, 14:34

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