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Marginalia, Physik und Kultur

Platon im Walde

Platon-im-Walde_rvWenn man beim Wandern in der Natur plötzlich auf rostbraune regelmäßige Figuren stößt, weiß man sofort, dass es sich um menschliche Hervorbringungen handelt, die in einem irritierenden Verhältnis zur Umgebung stehen. Einerseits scheinen sie so gar nicht zu der naturwüchsigen Umgebung zu passen, wo trotz großer Ähnlichkeiten keine Gleichheiten im strengen Sinne angetroffen werden. Andererseits weiß man, dass der menschliche Zugang zur und Zugriff auf die Natur von Idealgestalten geprägt ist, die es ihm erlauben den vielgestalteten natürlichen Formenreichtum zu bändigen und unter physikalische Gesetze zu bringen.
Zu den geometrischen Idealgestalten gehören auch die hier angetroffenen sogenannten platonischen Körper: Tetraeder (Vierflächner aus 4 Dreiecken), Hexaexer (Würfel, Sechsflächner aus 6 Quadraten), Oktaeder (Achtflächner aus 8 Dreiecken, Dodekaeder (Zwölfflächner aus 12 Fünfecken) und Ikosaeder (Zwanzigflächner aus 20 Dreiecken). Es sind die fünf einzigen regulären Körper. Ihre größtmögliche Symmetrie besteht darin, dass in allen Ecken jeweils gleich viele gleich lange Kanten zusammenstoßen, an jeder Kante gleiche (kongruente) Flächen zusammentreffen und jede Fläche dieselbe Anzahl von Ecken aufweist, sodass man keine Chance hat, jeweils zwei Ecken, Kanten und Flächen voneinander zu unterscheiden. Damit zusammenhängend sind auch alle Winkel und Diagonalen gleich groß.
Diese nach dem griechischen Philosophen Platon (ca. 427–347 v. Chr.) benannten regulären Körper sind seit der Antike bekannt. Platon hat die Körper ausführlich beschrieben und ihnen Bedeutung gegeben, indem er vier der Körper den antiken Elementen zuordnete. Demnach steht der Tetraeder für das Feuer, der Oktaeder für die Luft, der Hexaeder (Würfel) für die Erde und der Ikosaeder für das Wasser. Später ließ sich der Dodekaeder mit dem von Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) postulierten fünften Element, dem Äther, identifizieren.
Die Idee, diese Idealgestalten hier her zu setzen und in ansprechendem Design zu realisieren, stammt von dem Münsteraner Künstler Ekkehard Neumann (*1951). Und „hier“ bezieht sich auf den Bagno-Park in Steinfurt (Münsterland). Obwohl die waldige Umgebung an Natur pur erinnerte, befand ich mich bei diesem Stück meiner Wanderung in einer künstlichen Gartenlandschaft mit einer langen Geschichte. Der Park war und ist – wie man auf der Beschreibung des Exponats liest – der Idee verpflichtet „die chaotisch scheinende Natur unter das Ordnungsprinzip menschlicher Vorstellungen, Zwecke und Moden zu zwingen. Diesen Zusammenhang von Herrschaft und Naturvorstellung nimmt der Künstler in subtiler Weise auf, indem er die vollkommenen Körper in die von Menschen gestaltete Landschaft legt“.

 

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