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Marginalia, Physik und Kultur

Siehst du den Stern?

ZeitSiehst du den Stern im fernsten Blau,
Der flimmernd fast erbleicht!
Sein Licht braucht eine Ewigkeit,
Bis es dein Aug‘ erreicht!

Vielleicht vor tausend Jahren schon
Zu Asche stob der Stern;
Und doch steht dort sein milder Schein
Noch immer still und fern.

Dem Wesen solchen Scheines gleicht,
Der ist und doch nicht ist,
O Lieb‘, dein anmutvolles Sein,
Wenn du gestorben bist!

So wie in diesem Gedicht von Gottfried Keller (1890 – 1990), haben sich DichterInnen und SchriftstellerInnen zu allen Zeiten mit den jeweils aktuellen Erkenntnissen der Naturwissenschaften auseinander gesetzt. Wieviel anders klingt es jedoch, wenn sich Ulrike Draesner (*1962), eine zeitgenössische Schriftstellerin, dazu äußert:

Als sie sich da am Glas die glänzenden Strümpfe wetzte, die Knie eng an die kalte Abtrennung gedrückt, saß plötzlich, so hingerutscht, Lukas neben ihr. Am Buffet zeigten sie sich bereits gegenseitig die besten Häppchen. Lukas erzählte von seiner Arbeit. Aloe bekam kaum einen Bissen hinunter; ihr Herz pochte. Als Astrophysiker arbeitete Lukas mit der Realität. Seine Daten kamen aus realen Vorkommnissen – von festen Objekten wie Sonden oder Satelliten zurückgelegte Wege wurden gemessen oder Licht. Es ging um Konstellationen, Verhältnisse, Wechselwirkungen. Da allerdings wurden die Daten schon weicher – Lukas zwinkerte Aloe zu: da fangen die Phantasien schon an.
Wer in den Himmel schaute, sah nur Vergangenheit. Von manchem Stern brauchte das Licht zur Erde Millionen Jahre – wenn es ankam, sah man also den Stern, wie er vor Millionen Jahren gewesen war. Von der Sonne zur Erde acht Minuten – acht Minuten vor der menschlichen Wirklichkeit her taumelte die Sonne von Ost nach West. Lukas wollte im Universum an einen Punkt schauen, wo man durch so viel Vergangenheit gefallen war, daß die Zukunft bereits sichtbar wurde. Billionstelsekunden vorm Urknall. Das sollte begreifen, wer wollte. Schon der Urknall war nur eine Hypothese, obwohl sich natürlich die von Hubble 1929 entdeckte Hintergrundstrahlung perfekt als sein Nachhall verstehen ließ.
-’29 wurde meine Mutter geboren, hörte Aloe sich sagen. – Und mein Vater.
Aloe dachte an Mäuse, die sie vor kurzem im Scientific American abgebildet gesehen hatte. Jeder war ein einzelnes, perfekt aussehendes menschliches Ohr aus dem Rücken gewachsen.
– Und für welches Ohr soll der Urknall gewesen sein?
– Für unsere heute, sagte Lukas, eine bessere Antwort haben wir nicht.
Er gab zu, daß man die angeblich festen Daten in eine Form goß und wartete, welche Figur am Ende dabei herauskam. Ging es gut, war das Modell etwas wie die Wachsfigur beim Statuenguß, die man als Zwischenglied verwendete. Wurde ausgeschmolzen und verschwand – damit die Statue entstand.
Aloe nickte. Damit kannte sie sich als Kunsthistorikerin aus. Mit jemandem wie Lukas nicht. Er strahlte ein Nachglühen aus, eine ungewöhnliche Hintergrundspannung, die Erregung einer Zeit, die bereits vergangen war, oder erst noch kommen würde„. (Ulrike Draesner. Mitgift. München 2002)

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