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Physik und Kultur

Glocken sprechen mit der ganzen Stadt

Glocke_Koelner_Dom_rv2Glockenläuten ist zumindest auf dem flachen Land weit zu hören. In der Krummhörn (Ostfriesland) kann man oft das Geläut aus mehreren Dörfern gleichzeitig vernehmen. Manchmal ist es zeitlich so versetzt, dass das Läuten des einen Orts wie das Echo aus einem anderen erklingt. Ich zähle oft – kaum bewusst – die Glockenschläge mit und wundere mich dann je nach persönlicher Verfassung darüber, wie schnell oder wie langsam die Zeit vergeht.
Im Zeitalter der Informationsmedien sind Glocken zeittechnisch eher anachronistisch. Ein Blick auf die Armbanduhr oder das Smartphone macht die Zeit jederzeit sekundengenau verfügbar. Darüber sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Glocke teilweise noch vor hundert Jahren ein weitreichendes Informationsmittel war. Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) weist schon vor über 200 Jahren auf diesen kommunikationstechnischen Aspekt hin, wenn er sagt:
Diese nützlichen Instrumente, die die Stunden des Tages und der Nacht einer ganzen Stadt auf einmal erzählen, vermittelst welcher man mit einer Stadt auf einmal sprechen, und selbst schon in Nothfällen so bequem zu verstehen geben kann, sind schon sehr lange erfunden und ihr Gebrauch bald kirchlich, bald politisch, bald kriegerisch gewesen“ (Vermischte Schriften).
Dabei erwähnt er, dass es die Glocken schon sehr lange gibt. In der Tat waren Glocken aus Ton schon 3000 v. Chr. und Bronzeglocken mindestens seit 2100 v. Chr. in der Yanshao-Kultur im alten China bekannt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Glocken dank ihrer gut reproduzierbaren Töne auch zur Definiton von Maßeinheiten beutzt wurden. So erzeugte beispielsweise eine Staatsglocke im alten China einen genau festgelegten Ton, der – so weit die Glocke zu hören war – zum Eichen einer Saite eines Saiteninstruments herangezogen werden konnte. Dabei wurde die Länge einer gezupften Saite solange verändert, bis  ihr Ton exakt mit dem Ton der Glocke übereinstimmte. Die Länge der Saite konnte so als Maßeinheit benutzt werden. Darauf weist M. Reitz in „Auf der Fährte der Zeit“ (Weinheim 2003) hin. Vermutlich wurden dafür ganz bestimmte Saiten unter einer festgelegten Spannung verwendet.
Die alten Chinesen mussten also schon den Zusammenhang zwischen Tonhöhe und (Wellen-) Länge gekannt haben, der erst durch die Arbeiten von Galileo Galilei (1564 – 1642) wieder entdeckt wurde und eine wichtige Rolle bei der Entstehung der neuzeitlichen Physik spielen sollte.
Die Abbildung zeigt übrigens eine der Glocken des Kölner Doms.

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Glocken sprechen mit der ganzen Stadt

  1. Bei uns sind vier Kirchen in Luftlinien gedacht in der Nähe, die hört man schon.

    Verfasst von arnada@web.de | 21. November 2016, 15:11
    • Dass Kirchen, die nicht so weit voneinander entfernt sind, gleichzeitig zu hören sind, glaube ich gern. Mir kam es darauf an zu betonen, dass selbst in Dörfern, die schätzungsweise 4 bis 6 km voneinader entfernt sind, das gegenseitige Glockengeläut zu hören ist. Glocken sind also in früheren Zeiten weithin zu hören gewesen und – wie das Beispiel aus dem alten China zeigt – für den Austausch von Informationen genutzt worden. Man stelle sich nur vor, wie lange es mit den damaligen „Verkehrsmitteln“ gedauert hätte, die Strecken zurückzulegen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 21. November 2016, 16:05

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