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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Erinnerung an die Eisblume

eisblumen2_dsc07061_rvEisblumen gehören der Vergangenheit an. Manche wissen nicht einmal mehr so recht, was das ist. Mein nicht geheizter Wintergarten gönnt mir jedoch manchmal das Vergnügen eines Blicks durch das eisblumenversiegelte Fenster. Dennoch gebe ich zu, dass dies die Ausnahme ist und der Nekrolog auf die Eisblume von Ulrich Holbein (*1953) nur allzu gerechtfertigt ist. Hier ein Ausschnitt:
Um wenigstens  eine Erinnerung (an die Eisblume, HJS) aufzuwärmen, summe ich hoffnungslos eine Strophe aus der Winterreise:
„Doch an den Fensterscheiben
Wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
Der Blumen im Winter sah?“
eisblumen_dsc06753b_rvWehmut taut auf neben meinem CD-Player; denn auch Dietrich Fischen-Dieskau hat seit Jahrzehnten keine Eisblumen mehr gesehen, obwohl er im Reich der Kammermusik durchaus aufwuchs zwischen Eisblumen, vereint mit Franz Schubert und Wilhelm Müller. Und statt entfärbte Miniatur-Abbilder vergangnen Frühlings blühen Blumen-Center m die Ecke, die auch im Winter aufhaben – solange der Treibhauseffekt noch kein Loch in den Winter gehaucht hat, mit den gewärmten Kupferschillingen von Kay und Gerda, die Gucklöcher in die Eiskruste des Fensters bohrten, in Hans Christian Andersens zunehmend erläuterungsbedürftiger Schneekönigin.
An der Wiege der Eisblume stand venezianische und thüringische Glasbläserei; am Grab der Eisblume stand der zentralbeheizte Neubau. Man bräuchte die Heizung nur kleinerstellen, nein: aus. Sofort könnte die Eisblume auferstehen. Ich gäbe einen ganzen sommer für den Anblick einer Scheibe mit Eisblumen. Es gab Winter, in denen ich mich bibbernd an meinen erkalteten Holzofen schmiegte, nur um Eisblumen zu züchten. Ich wachte schlotternd auf, und in  meiner Atemwolke, die sich verdünnte, sah ich eine geradezu dreidimensionale Ideallandschaft am Fenster in fraktaler Schönheit hinaufwachsen. Bevor die Sonne über den Gartenzaun stieg, spielten die Eisblumen in Regenbogenfarben.
Doch dann ließ ich mir, um Außenlärm runterzuschrauben, Thermofenster einbauen, ohne zu bedenken, daß das Vakuum zwischen Innen- und Außenscheibe aus physikalischen Gründen – und schon hatte ich mein Paradiesgärtlein reiner Kristallmalerei für immer abgewürgt.
Ich für meinen Teil weiß wenigsten noch: Es gab mal Eisblumen. Es gab noch Generationen um 1928, die erblickten in den Eisblumen das tiefsinnige Zwischenreich zwischen Blumenwelt und Kristallwelt, Vorentwürfe oder Erinnerung aller wirklichen Landschaften, Vorboten und Echos abgeblühter und bevorstehender Sommerwälder, entfärbte Sinnbilder aller hingehauchten und alsbald erstarrenden Schöpfung. Mitteleuropäische Stadt-Kids hingegen wissen kaum noch, wonach sie sich sehnen könnten. Eisblumen wären ihnen zu leise, zu kostenlos, zu geruchsfrei, und nicht knallbunt genug, und nicht per Mausklick am Fenster hoch und runter hetzbar.

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