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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Von realen und gespiegelten Welten

Spiegelsymmetrie_rvSchaut man sich das Bild einer Treppe in einem Bahnhof an, so könnte man auf dem ersten Blick meinen, es handele sich um einen fast symmetrischen Aufgang. Erst die Unvollkommenheiten auf der rechten Bildhälfte überzeugen uns davon, dass es sich hier um eine Kombination aus realer und Spiegelwelt handelt. Sogar die Zeit ist gespiegelt. Während die Uhr auf der linken Seite 9:30 h anzeigt, ist es auf der rechten Seite bereits 14:30 h zu sehen. Auch andere Hinweise entlarven die Täuschung des flüchtigen Blicks.
Wenn die Wand des Treppenaufgangs mit einem guten Spiegel versehen wäre, würde man sich vermutlich über die Täuschung nicht wundern, kommt es doch oft genug vor, dass Menschen oder Tiere gegen einen Spiegel laufen, weil sie die Spiegelwelt für real halten.
Spiegelsymmetrie_m_rvMan muss schon im Wunderland sein, um wie Alice durch den Spiegel in die dahinter liegende Spiegelwelt wechseln zu können. In diesem Fall ist es kein klassischer Spiegel, sondern eine Wand aus polierten Granitplatten, wie man an dem 2. Foto (von oben) erkennt. Und damit wird das Phänomen etwas komplexer als beim Spiegel. Denn anders als beim Spiegel, der selbst unsichtbar ist und insbesondere keine Farbe hat, wird das Licht an der dunklen leicht marmorierte Granitwand teilweise absorbiert und die nicht absorbierten Frequenzen des weißen Lichts werden diffus (in alle Richtungen) reflektiert. Und weil die Oberfläche glatt ist, wird auch noch ein Teil des Lichts spiegelnd (Einfallswinkel = Reflexionswinkel) reflektiert. Die Intensität des spiegelnd reflektierten Lichts ist umso größer, je flacher man auf die reflektierende Fläche blickt, also je größer der Reflexionswinkel ist (bezogen auf die Flächennormale). Im vorliegenden Fall wurde sehr flach an der Wand fotografiert, sodass vom diffus reflektierten Licht kaum noch was zu sehen ist.
Beim 2. Foto (von oben), dass unter einem weniger flachen Winkel (kleinerer Reflexionswinkel) aufgenommen wurde, ist der spiegelnd reflektierte Anteil schon wesentlich geringer. Die Farbe des Granits ist bereits deutlich zu erkennen.
Wasserspiegel_rvSolche Kombinationen aus Real- und Spiegelwelt kann man häufig an einem ruhigen See sehen, bei dem die glatte Wasseroberfläche als Spiegel wirkt. Meist sind dabei die Symmetrien so gut, dass man auf einem kopfstehenden Foto eines solchen Anblicks nicht sofort die Vertauschung der beiden Welten erkennt (3. Foto von oben). Umgekehrt kann man zumindest auf den ersten Blick leicht getäuscht werden und ein bewusst perfekt symmetrisch gestaltetes, realistisch wirkendes Bild mit einem vertrauten Motiv als reales Abbild der Natur annehmen.
Ein solches „Spiegel“bild mit einer perfekten Symmetrie zeigt die untere Abbildung. Wenn man es auf den Kopf stellt, hat sich nichts geändert. Das kommt in der Natur so nicht vor und zwar aus zwei Gründen.
1. Wenn man die in einem glatten See gespiegelte Sonne fotografiert, wird die Symmetrie dadurch gebrochen, dass der Fotoapparat über der Symmetrieachse liegt. Dadurch entsteht eine oft nur unmerkliche, aber wenn man darauf achtet, erkennbare Verschiebung zwischen realer und gespiegelter Welt. Wenn man sich Fotos von solchen Spiegelbildern oberhalb und Symmetrie_Babsi_Schnabelunterhalb der Symmetrieachse anschaut, erkennt man, dass im gespiegelten Teil ein Stück abgeschnitten ist.
2. Der gespiegelte Teil ist stets dunkler (was nicht unbedingt undeutlicher heißt). Denn nicht alles von den realen Gegenständen ausgehende, auf das Wasser auftreffende Licht wird in unsere Augen reflektiert. Ein Teil verschwindet im Wasser, wie man zum Beispiel vom Tauchen weiß. Auch unter Wasser ist es hell. Diese Reduzierung der Lichtintensität ist nicht immer von Nachteil. Die Sonne ist beispielsweise so hell, dass sie – wenn man eine durchschnittliche Belichtung bei der Aufnahme wählt (das passiert mit heutigen Kameras ja meist automatisch) – die nähere Umgebung überstrahlt. Die Sonne sieht dann auf dem Foto viel größer aus als sie in Wirklichkeit ist. Wegen der Reduzierung der Lichtintensität im Spiegelbild nimmt diese Überstrahlung oft drastisch ab, sodass die gespiegelte Sonne kleiner und realistischer, auf jeden Fall aber anders aussieht als die fotografierte reale Sonne. Dieser Symmetriebruch ist also sehr deutlich zu erkennen. Trotzdem gibt es oft Situationen, in denen es auf den ersten Blick gar nicht auffällt, wenn man das Foto einer Spiegelung auf dem Kopf stehend zu sehen bekommt.
Daraus können wir schließen, dass das von Babsi Schnabel (Kunstschaffende) stammende und freundlicherweise zur Verfügung gestellte Bild eine künstlerisch gestaltete Szenerie darstellt.

 

Diskussionen

4 Gedanken zu “Von realen und gespiegelten Welten

  1. Lieber Joachim,

    erst jetzt habe ich Deinen Beitrag entdeckt. Ich weiß nicht warum ich ihn verpasst habe. Vielen Dank für Deinen Link auf meine Seite, und dass Du mein Foto verwendet hast! Habe mich sehr darüber gefreut!

    LG Babsi

    Verfasst von kunstschaffende | 23. Februar 2017, 00:18
    • O, das tut mir leid, liebe Babsi. Ich war davon ausgegangen, dass du wegen des Verweises automatisch von wordpress benachrichtigt wirst. Daher habe ich dir nicht extra eine Email geschickt. Dein Bild passte jedenfalls sehr schön in diesen Beitrag. LG, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 23. Februar 2017, 09:18
      • Lieber Joachim,

        es hat mich auch gewundert, weil ich Deinen Blog abonniert habe und über neue Beiträge von Dir immer per Email benachrichtigt werde! Naja egal, denn ich habe es doch noch gefunden!

        Sei herzlich gegrüßt!

        Babsi

        Verfasst von kunstschaffende | 23. Februar 2017, 15:11
      • Liebe Babsi, beim nächsten mal sage ich dir von mir aus Bescheid. LG, Joachim.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 23. Februar 2017, 19:32

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