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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Nebenfolgen des Sinnbedarfs

Sinnsuche_im_NebelDer Verdacht, die Welt könnte ohne Sinn oder ihres vormals besessenen Sinnes verlustig gegangen sein, lastet schwer auf denen, die aus Gründen unvorsichtiger Berufswahl (oder anderen) von Ungeduldigen um Auskunft und Abhilfe bedrängt werden.

Die Frage einmal beiseite gelassen, wie teuer da guter Rat nach Annahme der Herausforderung werden mag, ist noch eine andere Frage zu stellen: Was würde der Erfolg oder die bloße Folge sein, gelänge es einem von der Sinnsucherschaft, fündig zu werden, den gewünschten Sinn zutage zu fördern, den verlorenen zurückzuerstatten?

Vom Jubel der ersten Tage, von der Genugtuung und den Auszeichnungen bei der Verteilung des Sinngutes könnte nur ein Fachmann der Utopie handeln. Was ich mir vorgenommen habe, ist nüchterner. Eine der mehr oder weniger unerwarteten, quälenden bis leidvollen Erfahrungen unserer modernen Welt ist, daß deren schönste Errungenschaften eine Schleppe von allerlei Mißliebigkeiten mitziehen, die wir >Nebenfolgen< zu benennen gelernt haben. Die einen halten das für Untertreibung, die anderen für lästige Fußnoten des Haupttextes. Was wäre – den Wiedergewinn des Sinnes von Sein und Welt, Leben und Geschichte vorausgesetzt – als Nebenfolge des ansonsten umweltschonenden Fortschritts zu gewärtigen?
Gewisse Vorstudien zu dieser Frage erlauben Epochen und Formationen, in denen man ziemlich genau zu wissen glaubte, was der Sinn von Sein und Welt sei, und zum Neid zumal romantischer Nachfahren aus diesem Sinnbesitz zu leben schien. Die Wiederentdeckung des Mittelalters etwa ist durchdrungen gewesen von der sehnsüchtigen Vermutung, die gerade noch als finster diskriminierte Zwischenwelt zwischen Antike und Neuzeit sei in Wirklichkeit ein Zeitalter der Sinnfülle und Lebenserfüllung gewesen, da man wußte, wozu man lebte, wenn auch nur kurz. Die Stichworte solcher Sinnfülle sind bekannt: eine von gütiger Hand ins Werk gesetzte Welt, von derselben Hand einem Endziel der Erfüllung ihrer Geschichte entgegengelenkt, jedes einzelnen Wesens Dasein diesem Ganzen sowohl zweckmäßig als auch mit gerechtem Anteil an Last wie Lust eingeordnet und am Ende eines Jüngsten Tages die Rechnungslegung und Aufklärung über alles das, was an Ort und Stelle noch nicht in die Rubriken der Sinnkriterien hatte eingeordnet werden können. Da würde es sich schon zeigen, weshalb die einen hatten leiden müssen und die anderen gut davongekommen waren.
Doch ist die Annahme, in einer sinngesteuerten Welt zu leben, in der jedes Ereignis im Prinzip auf sein Warum und Wohin befragbar – wenn auch nicht immer auskunftswillig – sein muß, nicht ohne Risiken. In einer solchen Welt wird man schwerlich von einem sichtbaren Leiden betroffen, ohne nicht selbst und mehr noch vor den anderen der Überlegung ausgesetzt zu sein, für welche geheime Verwerflichkeit man dies nun als Strafe zugewiesen erhalten habe. Die Unglücklichen sind nicht nur unglücklich, sie sind dazu noch als Schuldige an ihrem Unglück gezeichnet, wenn die Welt durch und durch sinnvoll geordnet ist. Wir sind ja bis zum heutigen Tag, trotz einer Serie von Aufklärungen und Glanzleistungen der hinterfragenden Vernunft, der billigen Alltagsweisheit nicht vollends entronnen, mit der man bestimmte stigmatisierende Krankheiten und Gebrechen besser verbirgt, weil man die diffuse Vermutung zu meiden hat, irgendwer – die Eltern oder Vorväter oder man selbst – werde da schon entsprechend gesündigt haben, selbst wenn man sich modernerer Ausdrücke bedient.
 Es ist die Kehrseite der Medaille einer sinnträchtigen Welt, daß man in ihr wissen kann oder zu wissen glaubt oder zu wissen angehalten wird, wer jeweils an was schuld ist. Es war zwar die Geschichte meiner frühen Kindheit, die mich träumen läßt, aber irgendwer war, mich selbst ausgenommen, dafür zuständig, daß sie so und nicht anders verlaufen ist, wie sie mich nun im Traum verfolgt, daß ich sogar fremder Hilfe bedarf, um dessen Zeichen auch nur zu verstehen.
In einer sinnhaften Welt muß es Hinweise, Orientierungen, Wegweiser, Gebrauchsanweisungen, Zeichen, Signaturen geben. Jedes Kraut muß erkennen lassen, wofür der aus ihm gebraute Trank gut sein könnte. Keiner ist Günstling der Natur ohne Grund; aber wer es ist, versteht vor allem die Zeichen zu lesen, auch die auf den Stirnen, wie der unsägliche Lavater, und hält Gericht, noch bevor Gerichtstag ist.
 Die so eingerichtete Welt wird in der Nebenfolge eine Realität der möglichen Umkehrschlüsse: Wer in der Kutsche fahrt, muß gut gewesen sein oder es eben dadurch noch werden können; wer zu Fuß gehen muß, hat es redlich verdient oder darin seine einzige Chance, es auf diesem Umweg mit dem Guten doch noch aufnehmen zu können. Man kann die Geschichte von der sinnerfüllten und sinngesteuerten Welt, das geben Utopisten seit je zu, nur in der Form des Märchens erzählen. Sinn heißt immer auch, daß sichtbar wird, was es mit allem und jedem auf sich hat. Das soll man erst zu ertragen bereit sein können.
Der unschätzbare Alfred Polgar veröffentlichte im Januar 1939 der »Pariser Tageszeitung« eine ironische Umkehrung des Mythos vom ersten Brudermord in der Menschheitsgeschichte, mit der er das vielen deutschen Emigranten unfaßbare Schicksal zu deuten suchte, in ihren jeweiligen Zufluchtsländern wiederum Gezeichnete zu sein. Das Mißtrauen war ihnen nicht erspart geblieben, das gerade aus dem Sinnvertrtauen kommt, es müsse doch, wem es so ergehe, etwas an sich haben, was dem Schicksal ein Recht gebe, ihn so zu behandeln. Der Umkehrmythos besteht nur aus zwei Sätzen und bedarf keines weiteren der Reflexion: ABEL, WENN ER VOR DEN MORDABSICHTEN SEINES BRUDERS KAIN GEFLOHEN WÄRE, HÄTTE ALS EMIGRANT BITTRE UNANNEHMLICHKEITEN ZU ERDULDEN GEHABT. ER WÄRE SEIN LEBEN LANG IN DER WELT HERUMGELAUFEN MIT DEM ABEL- ZEICHEN AUF DER STIRN.
Wenn schon eine Welt der bloßen Vermutung, es müsse dieses und jenes in ihr gelegentlich Sinn haben, zumal wenn es massenhaft und systematisch auftritt, als eine mit diesem in Verdacht umzusetzenden Sinn geschlagene Welt erscheint, läßt sich unschwer vorstellen, wie eine Welt aussehen müßte, in der Gewißheit vom ihr verliehenen Sinn in allem und jedem bestände. Der Gequälte sollte sich sagen, es würde schon alles seinen Sinn haben und eines Tages offenbaren; aber er behielte diesen Trost lieber für sich, denn er könnte auf ihn grausam zurückschlagen.
Vielleicht sollten wir nicht nur die Wut über die Sinnlosigkeit der Welt kultivieren, sondern auch etwas von der Furcht vor der Möglichkeit, sie könnte eines Tages voller Sinn sein. Sollte der älteste Ausspruch, der uns von der frühen Geschichte der Philosophie bei den Griechen übrig geblieben ist, der des Anaximander von Samos aus der Mitte des 6. Jahrhunderts, die sich verbergende Urweisheit gewesen sein, daß die Dinge einander Strafe und Buße für ihre Ruchlosigkeit nach festgesetzter Zeit zu entrichten haben, dann müssen wir vielleicht froh sein, daß uns nicht mehr als dieses hinterlassen worden ist. Es hätte etwas über die Urteilsgründe und Indizien solcher Sinnherrschaft über die Welt enthalten können.
Die Sinnlosigkeit der Geschichte, vollzogen an der Fragmentierung ihrer würdigsten Bestände, hat uns vor einem der Versuche, mit dem Sinnanspruch ernst zu machen, bewahrt. Wie anfällig wir für derartiges sind – und wohl nicht anders sein können -, zeigte sich, als gerade dieser Spruch des Anaximander im ersten Jahr nach der größten bisherigen Sinnkatastrophe der Geschichte durch Heidegger eine – glücklicherweise sehr unverständliche und philologisch unwahrscheinlich gebliebene – Auslegung fand.

Blumenberg, Hans: Die Sorge geht über den Fluß. Frankfurt: Suhrkamp 1988

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Nebenfolgen des Sinnbedarfs

  1. Oh ja, 😉, diese Art der Sinn-Suche und deren Folgen, vor allem bei einem zu kurz gedachten Kausalitätsdenken waren und sind fatal – und es wäre wünschenswert, sie zu überwinden – vor allem, wenn sie auch noch mit der Schuldfrage „geschmückt“ werden.

    Verfasst von ele21 | 29. Dezember 2016, 15:25
  2. War jetzt nicht ganz so einfach zu lesen, der Artikel von Hans Blumenberg.
    Edgar

    Verfasst von seescho | 30. Dezember 2016, 22:54
    • Das stimmt, deshalb habe ich den Text auf den letzten Tag des alten Jahres verlegt, an dem der eine oder die andere bereit sein könnte, ein wenig hinter die Kulissen des Weltgetriebes zu blicken, dem man offenbar mit einer simplen Frage nach dem Sinn nicht beikommt.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 31. Dezember 2016, 09:51

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