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Marginalia

Versteinerte Linien

Streifen_und_Felder_rvIch zweifle nicht, daß in den menschlichen Dingen, also auch in der Geschichte, ebensogut eine Notwendigkeit ist wie in den Naturdingen. Aber jeder Mensch hat zugleich seine Separatnotwendigkeit, so daß Millionen Richtungen parallel, in krummen und geraden Linien nebeneinander laufen, sich durchkreuzen, fördern, hemmen, vor- und rückwärtsstreben und dadurch für einander den Charakter des Zufalls annehmen und es so, abgerechnet die Einwirkung der Naturereignisse, unmöglich machen, eine durchgreifende, alle umfassende Notwendigkeit des Geschehenden nachzuweisen. Es geht damit wie mit der Witterung, die gewiß so bestimmte Gesetze hat wie der Umlauf der Welten.

Franz Grillparzer (1791 – 1872): Historische und politische Studien

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Versteinerte Linien

  1. Interessant ist das „eine durchgreifende, alle umfassende Notwendigkeit des Geschehenden nachzuweisen“ der Buddhismus und die Samkhya Lehre schon von hunderten von Jahren gibt, gegeben hat. Schaut man durch und mit diesen Wissenshintergrund auf sich und die Welt, erklärt sich vieles, was mit der westlichen Denk-und Sichtweise nicht er-und geklärt wurde oder werden kann bzw man diese „Phänomene“ als Zufälligkeit abtut.

    Verfasst von Malabar | 14. Februar 2017, 10:05
    • Vielen Dank für den Kommentar. Ich denke, dass man auch im westlichen Denken und hier insbesondere aus physikalischer Perspektive – den klassischen Determinismus bemühend – von einem kontingenten Geschehen ausgehen und die Entstehung der Strukturen weitgehend als notwendig bzw. zwangsläufig ansehen würde. Aus der Perspektive der nichtlinearen Physik kommt jedoch der Zufall insofern ins Spiel, als es in der Entwicklung sensitive Punkte gibt, an denen infinitesimale Einflüsse nicht vorhersagbare Ablaufrichtungen festlegen. Im östlichen bzw. insbesondere vedisch orientierten Denken wird man das in der Tat ganz anders sehen. Jedenfalls geben die Linien im Stein aus dem einen oder anderen Blickwinkel schon zu denken!

      Verfasst von Joachim Schlichting | 14. Februar 2017, 13:48

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