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Marginalia

Vögel sind auch nur Menschen

VogelgegenScheibe_rvDieser Satz ging mir als erstes durch den Kopf, als ich nach einem großen Knall an meinem nur etwa 1 m entfernten Fenster vor meinem Schreibtisch allmählich wieder zu Sinnen kam und nach und nach begann, das Ereignis in seiner ganzen Komplexität und Dramatik zu erfassen. Um nicht gleich als schreckhaft oder hysterisch eingeschätzt zu werden, möchte ich erwähnen, dass das akustische Ereignis nur der Kulminationspunkt eines Vorgangs darstellte, der optisch durch eine partielle Verdunklung angebahnt wurde, was mir allerdings aufgrund der Schnelligkeit, mit dem das Geschehen ablief, erst später wie in einem rückwärtslaufendem Film bewusst wurde.
Was war geschehen? Zuerst gingen mir die abstrusesten Ideen durch den Kopf, von der die, dass man es auf mein Leben abgesehen hatte, noch eine der vernünftigsten war. Denn die Scheibe hatte widerstanden, die Verdunklung war einer erneuten Aufklärung gewichen und ich begann wieder in vernünftigen Bahnen zu denken. Doch als ich zur Vergewisserung die Scheibe etwas genauer in Augenschein nahm, bemerkte ich das verschwommene Abbild eines großen Vogels auf der Scheibe (siehe Foto). Damit begann die emotionale Deeskalation, an dessen Ende eine plausible Theorie über den Vorgang stand:
Der Vogel, eine Taube, oder war es gar eine Eule (die der Minerva natürlich), die mich schon Tage zuvor besuchte (aber das ist eine andere Geschichte), war großflächig auf die Scheibe geprallt, sodass die Heftigkeit der Einwirkung (actio = reactio) auf einzelne Körperteile begrenzt blieb. Davon dass dem so gewesen sein musste, zeugte eine entsprechende Selbstabbildung des aufgeprallten Teils des Vogels, die immerhin so vollständig war, dass man den Urheber deutlich erkennen kann. Weil Vögel ihr Gefieder einfetten und auf diese Weise mit einem Stoff versehen, der bei hohem Druck auf eine Scheibe „abfärbt“, wurde diese seltene Form einer natürlichen (?) Druckgrafik möglich.
Und der ursprünglich von Konrad Lorenz stammende Satz, dass Vögel auch nur Menschen seien, fiel mir nur deshalb ein, weil mir einige Zeit zuvor etwas Ähnliches wie dem unglücklichen Vogel passiert war. Ich versuchte durch eine viel zu perfekt geputzte geschlossene Balkontür in den Garten zu gelangen. Lorenz hatte den Satz allerding in einem etwas anderen Kontext geäußert, nämlich als Rechtfertigung dafür, dass an sich monogam veranlagte Graugänse, beim Fremdgehen beobachtet wurden.

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Diskussionen

9 Gedanken zu “Vögel sind auch nur Menschen

  1. Hoffentlich hat das Vögelein überlebt!😕😔

    Verfasst von kunstschaffende | 15. April 2017, 00:32
    • Hat es bestimmt. Denn obwohl der Abdruck (auch eine Art Abbildungsverfahren) sehr deutlich, hat sich die Widerstandskraft beim Auftreffen auf eine große Fläche des Vogels verteilt, wodurch der Druck auf den Vogelkörper entsprechend klein war. LG, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 16. April 2017, 15:08
  2. Und Ihnen geht`s auch wieder gut?

    Verfasst von ele21 | 16. April 2017, 15:15
    • Danke für die Nachfrage. Die Verwechslung einer nur optisch mit einer auch physisch zugänglichen Welt hat mir zum Glück nur eine Beule eingebracht und der Schreck mit dem Vogel hat keine psychischen Nachwirkungen gehabt. So gesehen geht’s mir in beiden Hinsichten gut.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 16. April 2017, 17:06
  3. Die Geschichte vom Besuch der Eule würde mich interessieren…

    Verfasst von ele21 | 16. April 2017, 17:51

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  1. Pingback: Ich trug eine Eule ein Stück weit nach Athen | Die Welt physikalisch gesehen - 17. April 2017

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