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Physik und Kultur, Marginalia

Ich trug eine Eule ein Stück weit nach Athen

Brancusi_EuleAls ich am frühen Morgen in mein Arbeitszimmer ging, glaubte ich zunächst meinen Augen nicht zu trauen. Auf den Büchern des obersten Bücherbords hockte ein großer Vogel und blickte mich unverwandt an. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich wirklich bereits aufgestanden war und nicht träumte und bevor ich darüber nachgedacht hatte, wie es sein kann, dass ein so großer Vogel in ein verschlossenes Haus hatte eindringen können, machte ich mich daran, den Vogel – es war eine Eule – zu vertreiben. Obwohl der Vogel keinen Fingerbreit von der Stelle wich, wurde er unruhig, was sich in einer ruckweisen Bewegung des Kopfes zeigte. Dies sah allerdings so aus, als würde er seinen Kopf mehrere Male nacheinander um 360° drehen. Jedenfalls waren die Bewegungen sehr schnell und standen im merkwürdigen Gegensatz zur übrigen Unbeweglichkeit des Tieres.
Die Eule ließ sich nicht vertreiben. Auf Rufen, Schreien und hektische Bewegungen reagierte sie erst gar nicht, auch die geöffnete Balkontür ignorierte sie. Sie mit den Händen zu packen, traute ich mich nicht. Ich holte daher einen Besen in der Absicht, sie damit zu verscheuchen. Als ich wieder ins Zimmer trat, hatte sie sich einen neuen Platz ausgesucht. Diesmal saß sie auf der Gardinenstange. Vorsichtig schob ich die Bürste des Besens gegen den Vogel, um ihn von der Stange hinunterzustoßen. Stattdessen trat er ein paar Schritte vor und hockte nun auf dem Besen. Na gut, wenn du es so willst. Um den Vogel mit dem Besen anzuheben, musste ich den Stiel mit der einen Hand etwa in der Mitte ergreifen und mit der anderen Hand das Ende des Stiels herunterdrücke.  Die Eule war schwer, der Besen bog sich durch und ich schaffte ich es nur mit äußerster Kraft (Hebelgesetz!), sie anzuheben. Ich bugsierte sie durch das Zimmer zur Balkontür hinaus und dachte, dass es gar nicht so leicht sei, Eulen nach Athen zu tragen, wenn es schon bei einigen Metern so anstrengend ist.
Das ließ sie sich alles gefallen, machte aber keine Anstalten den Rest des Weges allein zurückzulegen. Da ich sie in dieser Konstellation nicht mehr halten konnte, stütze ich den Besen auf dem Geländer des Balkons ab und bewegte das Ende des Stiels mit zunehmender Frequenz auf und ab, um ihr beim Abflug zu helfen. Der Eule dachte jedoch nicht daran dies auch zu tun. Es war mir fast, als würde sie an dem  Auf und Ab Gefallen finden: sie reagierte mit leichten Körperbewegungen um das Gleichgewicht zu halten. Schließlich – na endlich! – wechselte  sie ihren Platz vom Besen auf das Geländer. Ich nahm den Besen und drückte ihn behutsam gegen den Vogel. Jetzt endlich sah er sich veranlasst, seine Flügel auszubreiten und sich mit sich mit gemächlichen Flügelschlägen davonzumachen. Er landete auf dem nächsten Zaunpfahl, wo er noch sehr lange sitzenblieb.
Das Rätsel, wie der Vogel ins Haus gekommen war, konnte ich erst Tage später lösen. Dabei kam ich mir ein wenig vor wie Sherlock Holmes Ich entdeckte zufällig, dass in der Nähe des Kamins auffällig viel Ruß verteilt war. Ruß hatte ich auch auf dem Bücherbord gefunden, ohne ihn jedoch zunächst als solchen zu identifizieren. Die Kombination beider Entdeckungen führte zu der Überzeugung, dass die Eule durch den Kamin gekommen sein musste. Da Weihnachten und England reichlich entfernt, muss es sich um einen Unfall gehandelt haben.
Oder war es ein geplanter Besuch, den ich hier schmählich vereitelt hatte? Nur wenige Tage später versuchte ein größerer Vogel erneut ins Haus zu kommen, was jedoch aufgrund der Verwechslung von Durchgängigkeit und Durchsichtigkeit auf drastische Weise misslang.
Die Eule erinnerte mich an eine Skulptur von Constantin Brâncuși (1876 – 1957), die ich vor vielen Jahren in der Tate-Gallery in London kennenlernte. Aufgrund ihres spiegelnd glatten Äußeren ist man als Betrachter immer auch Teil der Skulptur. Vielleicht war ich im vorigen Leben eine Eule.

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Diskussionen

12 Gedanken zu “Ich trug eine Eule ein Stück weit nach Athen

  1. wie schön – so eine Überraschung – könnte man Gänsehaut bekommen, ne? Keine Photos gemacht? Schönen Ostertag noch.

    Verfasst von ele21 | 17. April 2017, 10:36
    • Nicht nur aus der „Eulenperspektive“ wäre eine Foto-oder Videodokumentation schön gewesen. Aber ich war bei dieser Begebenheit so überrascht oder betroffen oder beides, dass ich erst dann daran dachte zu fotografieren, als es zu spät war. Es muss etwas mit der Gänsehaut zu tun gehabt haben, die das klare Denken eine Zeitlang ausgeschaltet hatte. Ebenfalls noch ein schönes Restostern.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 17. April 2017, 12:30
  2. Wow! Besuch einer Eule! Erschreckend, aber Wow! 🙂

    Verfasst von Mein Name sei MAMA | 17. April 2017, 21:22
    • So ähnlich waren auch meine Gefühle – zwischen Erschrecken und freudiger Erregung pendelnd. Da war offenbar nicht viel Plazt für einen rationalen Gedanken, etwa den, die Eule auf der Werksausgabe von Kant hockend zu fotografieren.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 18. April 2017, 09:43
      • Oh, das ist wirklich schade(!), aber auch verständlich. So ein Tier ist ja aus der Nähe vermutlich doch recht groß und als unerwarteter „Besuch“ noch dazu.

        Verfasst von Mein Name sei MAMA | 18. April 2017, 12:22
  3. Joachim, dein Erzählstil gefällt mir immer besser
    Edgar

    Verfasst von seescho | 17. April 2017, 23:43
  4. Eine wirklich ausgewöhnliche Begenung. Übrigens das Foto zeigt das Portrait von-Mademoiselle Pogany,1933, polierte Bronze.
    Zu „Vielleicht war ich im vorigen Leben eine Eule.“ Dazu fällt mir das schönes Gedicht von Dschuang Dsi ein.
    „Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“
    Wiki-https://de.wikipedia.org/wiki/Zhuangzi

    Verfasst von Malabar | 19. April 2017, 10:37
    • Die eulenhafte Mademoiselle Pogany ist mir übrigens 2004 in der Tate-Gallery in London begegnet. Neben dem Eulenhaften hatte mich die Wandlungsfähigkeit fasziniert. Jede Veränderung im Raum verlieh der Figur ein anderes Aussehen. Dazu passt das schöne Gedicht von Zhuangzi. Vielen Dank für diese passenden Ergänzungen zu meinem Eulenerlebnis.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. April 2017, 13:05
  5. Von Herrn Gnaddrig hergeschickt: Schöne Geschichte. Kürzlich habe ich mir eine Stubeneule gewünscht, die hätte für die Maus, die im Winter ins Haus gefunden hat, bessere Verwendung gehabt als ich. Ich hielt das aber für völlig unrealistisch.

    Verfasst von Lakritze | 20. April 2017, 18:44

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  1. Pingback: Traumvogel | gnaddrig ad libitum - 20. April 2017

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