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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Wasserziehen der Sonne

wasserziehen_img_0215_rv„Wohl kam Pfingsten näher und näher, aber zu der Schwüle, die unbekannt und unsichtbar über des Jünglings Herzen hing, gesellte sich noch eine andere über dem ganzen Dorfe drohend, ein Gespenst, das mit unhörbaren Schritten nahte; – nämlich jener glänzende Himmel, zu dem Felix sein inbrünstiges Auge erhoben, als er jene schwere Bitte abgesandt hatte, jener glänzende Himmel, zu dem er vielleicht damals ganz allein emporgeblickt, war seit der Zeit wochenlang ein glänzender geblieben, und wohl hundert Augen schauten nun zu ihm ängstlich auf. Felix, in seiner Erwartung befangen, hatte es nicht bemerkt; aber eines Nachmittags, da er gerade von der Haide dem Dorfe zuging, fiel ihm auf, wie denn heuer gar so schönes Wetter sei; denn eben stand über der verwelkenden Haide eine jener prächtigen Erscheinungen, die er wohl öfters, auch in morgenländischen Wüsten, aber nie so schön gesehen, nämlich das Wasserziehen der Sonne: – aus der ungeheuren Himmelsglocke, die über der Haide lag, wimmelnd von glänzenden Wolken, schossen an verschiedenen Stellen majestätische Ströme des Lichtes, und, auseinanderfahrende Straßen am Himmelszelte bildend, schnitten sie von der gedehnten Haide blendend goldne Bilder heraus, während das ferne Moor in einem schwachen milchichten Höhenrauche verschwamm“.

Stifter, Adalbert: Das Haidedorf. In: Erzählungen in der Urfassung. Augsburg: Adam Kraft Verlag o.J.; S. 161f

Von Wasserziehen spricht man auch heute noch, wenn wie auf dem Foto die von Wolken weitgehend verdeckte Sonne einige Lichtbündel durch die Wolkenlücken schickt. Die Strahlen werden indirekt dadurch sichtbar, dass Wasserdampf und Staub in der Luft das Sonnenlicht streut, sodass es in die Augen des Betrachters gelangt. Eindrucksvoll sind die Strahlen auch durch die perspektivische Verkürzung, die den Anschein erweckt, als würden sie von einem Punkt aus in alle Richtungen gehen. Da die Sonnenstrahlen wegen der großen Entfernung der Sonne von der Erden nur in einem Winkel von etwa 0,5° auseinanderlaufen, kann man sie als nahezu parallel ansehen. Der Effekt ist besonders ausgeprägt, wenn die Sonne tief steht und sogenannte Dämmerungsstrahlen „aussendet“.
Da dunstige und feuchte Luft oft Vorboten für ein Gewitter sind, hat sich das Wort „Wasserziehen“ eingebürgert.
Ein ganz ähnliches Phänomen beobachtet man, wenn bei dunstiger Luft, das  Sonnenlicht zum Beispiel durch das Blätterdach von Bäumen bricht.

 

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Diskussionen

3 Gedanken zu “Wasserziehen der Sonne

  1. Dieses Foto (Traumhaft schön) und Deine Erklärung dazu sind sehr interessant! Dieses Phänomen konnte ich auch schon oft am Bodensee beobachten und meine Mutter sprach dann auch immer vom Wasser ziehen! Danke, jetzt weiß ich wie es wirklich ist bzw. wie es entsteht!😉👍

    Schöne Abendgrüße Babsi

    Verfasst von kunstschaffende | 25. April 2017, 20:09

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