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Physik und Kultur

„Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe*“

geschoepfe_dsc00896_rvDieser Satz stammt von Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799), der auf zahlreiche Grenzgänge zutrifft,  die der erste Experimentanphysiker Deutschlands, Philosoph und Schriftsteller zwischen verschiedenen Tätigkeitsfeldern, Forschungsbereichen und gedanklichen Exkursionen unternommen hat.
Seine Grenzüberschreitungen zwischen Physik und Lebenswelt sprechen auf sehr originelle und nachvollziehbare Weise ein Problem der aktuellen Physikdidaktik an, das in seinen Auswirkungen auf das Lernen von Physik weitgehend unterschätzt wird: die Inkommensurabilität von Physik und Lebenswelt. Die Schülerinnen und Schüler müssen einerseits lernen, die Welt physikalisch zu beschreiben und das heißt, sie „so zu beschreiben, wie wir sie nicht erfahren“ (Carl Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007) Andererseits soll ihnen aber ein physikspezifischer Anteil an der Allgemeinbildung zuteil werden, wodurch notwendigerweise eine Verbindung von Physik und Lebenswelt gegeben ist. Lichtenberg war dieses Problem bewusst. Bernard Le Bovier de Fontenelle (1657 – 1757) zitierend stellt er fest: «En physique (…) dès qu’une chose peut être de deux façons, elle est ordinairement de celle qui est la plus contraire aux apparences» (D 507) (Wenn in der Physik eine Sache auf zwei Arten auftreten kann, ist es normalerweise diejenige, die im größten Gegensatz zur äußeren Erscheinung steht. (Übersetzung HJS)). Gleichzeitig lässt er keinen Zweifel daran, dass „wenn wir vernünftig (also insbesondere physikalisch, HJS ) sprechen (…) wir nur immer unser Wesen und unsere Natur“ sprechen“ (J 392).

Wenn Lichtenberg auf die auch damals schon kontrovers diskutierte Differenz zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu sprechen kommt, so bezieht er zwar eindeutig Stellung, bringt seine Aussage aber im letzten Moment mit feiner Selbstironie wieder in die Schwebe: „Ein etwas vorschnippischer Philosoph, ich glaube Hamlet Prinz von Dänemark hat gesagt: es gebe eine Menge Dinge im Himmel und auf der Erde, wovon nichts in unsern Compendiis steht. Hat der einfältige Mensch, der bekanntlich nicht recht bei Trost war, damit auf unsere Compendia der Physik gestichelt, so kann man ihm getrost antworten: gut, aber dafür stehn aber auch wieder eine Menge von Dingen in unsern Compendiis wovon weder im Himmel noch auf der Erde etwas vorkömmt“ (L 320).

Von besonderer Bedeutung ist die durch den betrachtenden Menschen selbst verlaufende Grenze. Demnach ist der Mensch „vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polype halb Pflanze und halb Tier“ (D 161) mit der Konsequenz, dass die Wahrnehmung stets von eigenen Wünschen und Gefühlen begleitet wird, und er umgekehrt „nach dem jedesmaligen Aggregatzustand seiner Empfindungen“ urteilt: „Ich habe etliche Male bemerkt, daß ich Kopf-Weh bekam wenn ich mich lange in einem Hohlspiegel betrachtete“ (A 49).

Lichtenberg macht darauf aufmerksam, dass auch der Naturwissenschaftler einen Körper besitzt, „das Ding von dessen Augen und Ohren wir nichts und von dessen Nase und Kopfe wir nur sehr wenig sehen“ (B 109). Trotz aller Versuche, seinem Körper zu entgehen, habe dieser den Fortgang der Wissenschaft entscheidend mitbestimmt, und sei es nur dadurch, dass „der menschliche Geist (…) immer gleichförmiger (wird), je mehr er sich über das Körperliche erhebt“ (L 618). Lichtenberg weiß, dass sein „Körper (…) derjenige Teil der Welt (ist), den meine Gedanken verändern können. Sogar eingebildete Krankheiten können wirkliche werden (J 1208). Konkret: „Ich habe oft die Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe. Zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin“ (F 557).

Das Körperliche ist immer involviert: „Wenn jemand etwas gerne tut, so hat er fast immer etwas in der Sache, was die Sache selbst nicht ist“ (C 349). Die Motivation etwas zu tun, ist für die wissenschaftliche Forschung aber auch für das Lehren und Lernen von Physik ebenso wichtig wie die Gegenstände von Forschung und Lehre. Daher müsse man sich in der eigentlichen Physik immer fragen: „Was ist hier Körper und was ist es nicht? Was für Grenzen gibt es da“ (L 712).

Zitate sind den Sudelbüchern von Lichtenberg entnommen und mit der dort üblichen Nummerierung  gekennzeichnet.
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*D 161

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Diskussionen

2 Gedanken zu “„Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe*“

  1. „Ich habe oft die Meinung wenn ich liege und eine andere wenn ich stehe. Zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin“ Gernot Böhme und Hermann Schmitz (Philosoph) haben wie ich finde, dazu auch einiges interessantes zu sagen.

    Verfasst von Malabar | 25. Mai 2017, 17:37

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