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Marginalia

Der Ginster oder Die Blume der Wüste

Ginster 1Hier auf dem dürren Grat
Des schreckenvollen Berges
Vesuvio, des Verwüsters,
Wo sonst nicht Baum noch Blume fröhlich grünt,
Verbreitest du dein einsam wuchernd Laub,
Duftvolle Ginsterblume,
Genügsam in der Oede. So auch sah ich
Die klaren Fluren blühend dich beleben,
Die jene Stadt umgeben,
Wo einst der Herrscherthron der Erde stand,
Die von gestürzter Größe
Schweigsam dem Wandelnden zu reden scheinen,
Ernst und erinnrungsschwer in ihrer Blöße.
Nun seh‘ ich hier dich wieder, die du stets
Schwermüth’ge, weltverlassne Stätten liebst
Und dich gesellst leidvollen Schicksalsloosen.
Die Fluren hier, verschüttet
Von unfruchtbarer Asche und bedeckt
Mit der versteinten Lava,
Die unterm Fuß des Wandrers wiederhallt,Ginster 2
Wo aus dem Neste sich die Schlange ringelt
Und sonnt und das Kaninchen
Sein Lager aufsucht im gehöhlten Bau –
Einst waren’s heitre Dörfer,
Von Aehrengold umwogt und wiederhallend
Von ihrer Rinder Brüllen;
Einst fanden müß’ge Reiche
In Gärten hier und Villen
Erwünschte Rast, und prächt’ge Städte waren’s,
Die blitzesprühend aus dem Feuerschlund
Der hehre Berg zugleich mit den Bewohnern
Im Glutenstrom verschlang. Nun ward dies Alles
Rings Eine Wüstenei,
Wo du, o holde Blume, blühst und, gleichsam
Mitfühlend mit so großem Weh, zum Himmel
Den Hauch entsendest süßesten Gedüfts,
Der Wüste Trost und Labsal. Hieher komme,
Wer unser Menschenloos als hochbeglückt
Zu preisen pflegt; hier mag er lernen, wie
Natur um uns sich mühte
In ihrer Huld und Güte, kann gerecht
Ermessen im Gemüthe,
Wie große Macht dem Menschen sie verliehn.
Denn plötzlich, wo Gefahr am fernsten schien,
Vermag mit leichtem Ruck die harte Amme
Uns theilweis zu verderben,
Dann, wenig heft’ger rüttelnd, ganz und gar
Uns in das Nichts zu stürzen.
In diesen Trümmerweiten
Lehrt jeder Stein fürwahr,
»Wie herrlich doch die Menschen vorwärts schreiten.«

Hier spiegle dich, hoffärtig
Verblendetes Jahrhundert,
Das du von jenem Pfade,
Den dir gezeigt der auferstandne Geist,
Gewichen bist und wähnst, daß rückwärts schreitend
Du fortgeschritten sei’st,
Der Umkehr dich berühmend.[139]
Ob deines kindischen Lallens schmeicheln dir
Die Geister, denen dich ihr herbes Schicksal
Zum Vater gab, obwohl sie
Auch manchmal hinterm Rücken
Dein spotten. Aber ich
Will nicht mit solcher Schmach zur Grube fahren.
Leicht zwar geläng‘ es wohl,
Den Andern gleich ruhmredig in die Wette
Zu singen, was bei dir in Gunst mich brächte.
Doch lieber will ich dreist sie offenbaren,
Statt sie zurückzupressen,
Die trotzige Verachtung dieser Zeit,
Weiß ich auch wohl, vergessen
Wird, wer zu sehr der Mitwelt mißbehagt.
Doch dieses Unglücks, das
Ich mit dir theile, lach‘ ich noch von Herzen.
Du träumst von Freiheit, und in Fesseln schlägst du
Von Neuem den Gedanken,
Der uns allein emporhob
Aus tiefster Barbarei, und der allein
Die Sitten adelt, daß der Völker Loos
Sich wandeln mag zum Bessern.
So sträubst du dich, die Wahrheit
Zu hören, welch ein niedrig hartes Schicksal
Uns die Natur verhängte. Darum wandtest
So jämmerlich dem Lichte du den Rücken,
Und vor der Wahrheit fliehend, schiltst du feige
Den, der sie sucht, und rühmest
Als edel Den allein,
Der thöricht oder schlau, betrogen oder
Betrüger, selig preis’t der Menschen Loos.

Wer dürft’gen Standes ist und krank an Gliedern,
Doch von Gemüthe stolz und hochgesinnt,
Der wähnt und rühmt sich nicht
An Golde reich und Kräften
Und fordert nicht heraus den Spott der Menge
Durch kindisches Gepränge
Mit Glücks- und Leibesgaben.
Er schämt sich nicht, als Bettler sich zu zeigen
An Gut und Blut, und kommt die Rede drauf,
Schätzt er das Seine, nicht die Wahrheit hehlend,
Nach seinem wahren Werth.
Der schien mir stets verkehrt,
Nicht edel, wer geboren
Zum Sterben und in Leiden aufgesprossen
Sagt: »Ich bin hier zum Gluckt!« –
Und füllt mit stinkendem
Selbstruhm die Blätter, hohe Freudenloose
Und Wonnen, selbst im Himmel unbekannt,
Geschweig‘ hienieden, diesen Erdgeschlechtern
Verheißend, die ein Stoß
Empörter Flut, ein Hauch
Von Fieberluft, ein unterirdisch Beben
Vernichtet und begräbt,
Daß kaum Erinnrung noch sie überlebt.
Von edler Art ist Der,
Der seine Menschenaugen
Auf unser Aller Schicksal
Zu heften wagt, der von der Wahrheit nichts
Abdingend, frei und offen
Das Leiden eingesteht, das uns beschieden,
Und unser schwankes Dasein;
Der seinen sichren Frieden
Bewährt im Dulden, nicht mit Bruderhaß
Und -Hader, herber noch
Als jeglich andres Unheil,
Sein Elend schärft; der nicht den Menschen zeiht
Der Schuld an seinen Qualen, sondern einzig
Die wahrhaft Schuldige, der Menschheit Mutter
Durch die Geburt, Stiefmutter durch den Willen.
Sie nennt er unsre Feindin; gegen sie
Zu Schutz und Trutz verbündet,
Gegründet nur zur Abwehr ihrer Feindschaft
Sei menschliche Gemeinschaft
Und aller Menschen Bruderbund gestiftet.
Und allesammt umarmt er
Mit wahrer Liebe, Hülfe
Kraftvoll und rasch so bringend wie erwartend
In wechselnden Gefahren und den Nöthen
Des allgemeinen Kriegs. Und mit den Waffen
Unbilden ahnden oder Fallen legen,
Drin sich der Nächste fängt,
Däucht ihn so thöricht, wie im Feld, umdrängt
Von Feindesschaaren, wenn am hitzigsten
Der Sturm des Kampfes tobt,
Den Gegner schonend, mit den eignen Freunden
Erbos’ten Zwist beginnen,
Zur Flucht sie drängen und zu Boden schmettern
Des eignen Heeres Glieder.
Wenn die Erkenntniß wieder
Aufginge, wie vordem, der großen Menge,
Und jenes Grauen wieder
Vor der Natur, der argen,
Das zu geselligem Bund die Menschen trieb,
Uns warnend übermannte,
Nun klar bewußt: wie anders würden dann
Zucht, biedre Bürgersitte,
Gerechtigkeit und Ehrfurcht Wurzeln schlagen,
Als jetzt in jenen thöricht stolzen Possen,
Darin des Volkes Treu‘ und Redlichkeit
Nicht fester steht gegründet,
Als Alles was im Wahn die Wurzeln findet.

Gar oft auf diesen Halden,
Die trostlos ganz in Trauer
Einhüllt der starre Fluß, der noch bewegt scheint,
Sitz‘ ich bei Nacht. Und auf die Öde nieder
Seh‘ ich aus reinster Bläue
Des Firmaments die Sterne Flammen sprühn,
Die fern sich wiederspiegeln
Im Meer, und ringsum in der stillen Leere
Von Funken blitzen weit und breit die Welt.
Und heft‘ ich dann die Augen auf die reinen
Lichter, die Pünktchen scheinen
Und sind so unermeßlich,
Daß gegen sie in Wahrheit Erd‘ und Himmel
Nur Pünktchen sind; und denke,
Daß nicht der Mensch allein,
Auch diese Kugel, drauf der Mensch ein Stäubchen,
Ganz ihnen unbekannt; und sehe dann
Die noch entlegnern, grenzenlos entfernten –
Sternknäuel nenn‘ ich sie –
Uns nur wie Nebel sichtbar, denen nicht
Der Mensch nur und die Erde, nein zumal
All unsre Sterne, grenzenlos an Zahl
Und Masse, sammt dem Goldgestirn der Sonne
Theils unbekannt sind, oder sichtbar doch
Nur so, wie sie der Erde,
Ein nebelhafter Lichtpunkt: wie erscheinst du
Mir dann, du arm Geschlecht
Des Menschen? Und erwäg‘ ich
Dein Loos hienieden, wie der Boden mir’s
Bekundet, den ich trete, und hinwieder,
Daß du den Herrn und Endzweck
Des Weltenalls dich dünkst und, wenn es dir
Beliebt zu fabeln, sagst, auf dieses dunkle
Sandkörnchen, das den Namen Erde trägt,

Sei’n deinethalb des ew’gen Welltalls Schöpfer
Ehmals herabgestiegen, um vertraulich
Zu plaudern mit den Deinen; und wie nun,
Den Kindertraum erneuernd, diese Zeit
Der Weisen spottet, sie, die doch an Wissen
Und jeder Kunst so weit
Voran zu sein schien allen andern: welch
Gefühl, armsel’ge Menschheit, welches Urtheil
Regt sich zuletzt in meines Busens Raum?
Ob Lachen oder Mitleid, weiß ich kaum.

Wie wenn vom Baum ein kleiner Apfel fällt,
Den von dem Zweig im Spätherbst
Kein andrer Zwang als seine Reife lös’t,
Und eines Ameisvolkes traute Wohnung,
Mühsam in weicher Scholle
Gehöhlt, und ihre Werke
Und reichen Vorrath, den geduldiglich
Das fleiß’ge Volk wetteifernd angehäuft,
Zur Sommerszeit vorsorgend für den Winter,
Zerstört, zerstreut, verschüttet
In einem Nu: so war’s, als niederstürzend,
Aus donnernd grauser Tiefe
Zum Himmel aufgeschleudert,
Mit Asche, Bimsstein, lockrer Felsensaat
Nacht und Verderben strömend
In heißen Flammenbächen
Und aus den Bergesspalten
Vorbrechend durch den Graswuchs
Ein ungeheurer Schwall
Geschmolzner Erze, glutgetränkten Sandes
Und flüss’ger Lavamassen
Die Städte dort tief an dem Ufersaum
Des Meeres überfiel,
Zertrümmert‘ und begrub
In kurzer Stunde, daß nur Ziegen jetzt
Hier weiden, neue Städte
Erstehn dort drüben, denen die begrabnen
Zum Schemel dienen, und der steile Berg
Die Mauerntrümmer schier mit Füßen tritt. –
Es hütet oder hegt
Natur nicht mehr den Menschen,
Als jenen Ameishaufen; und vernichtet
Sie seltner ihn, als diese,
Ist’s darum nur allein,
Weil minder fruchtbar ist die Menschenbrut.

Wohl achtzehnhundert Jahre
Sind hingegangen, seit die blüh’nden Städte,
Von Feuersmacht erstickt, hinweggeschwunden,
Und wenn der fleiß’ge Landmann
Die Reben pflegt, die kümmerlich gedeih’n
Hier auf der todten, aschendürren Scholle,
Hebt er den Blick noch immer
Besorgt zum unheilvollen
Berggipfel, der mit ungezähmter Wildheit
Noch immer Schrecken birgt, noch immer ihm
Und seinen Kindern, seiner armen Habe
Verderben droht. Und oft,
Wenn auf dem flachen Dache
Des Hüttleins unterm leichten Hauch der Lüfte
Der Ärmste schlaflos liegt die Nacht hindurch,
Springt er empor und späht dem Laufe nach
Des Feuerstrudels, der sich niederwälzt
Aus unerschöpftem Abgrund
Hinab den sand’gen Hang, daß wiederglänzt
Von Capri die Marina,
Der Hafen Napoli’s und Mergellina.
Und sieht er ihn herannahn, oder hört
Im tiefen Brunnen hinterm Haus das Wasser
Aufkochend gurgeln, weckt er seine Kinder,
Erweckt in Hast sein Weib, und fort mit Allem,
Was sich errafffen lässt an Hausrath, flüchtend,
Sieht er von fern sein Nest
Und seinen kleinen Acker,
Der vor dem Hunger ihn allein geschützt,
Zum Raub dem Glutenbache,
Der brausend niederschwillt und dicht und fest
Die Stätten alle unerbittlich zudeckt. –
Es kehrt‘ ans Licht zurück
Aus der Vergessenheit uraltem Grabe
Pompeji, dem verscharrten
Gerippe gleich, das Habgier
Von Neuem bloßlegt oder frommer Sinn,
Und von dem leeren Forum
Durch schnurgerade Reihen
Von Säulenstümpfen schaut der fremde Wandrer
Dort oben fern das zwiegetheilte Joch
Und den umwölkten Gipfel,
Der jetzt noch diese Trümmerwelt bedroht.
Und in der stillen Nacht mit ihren Schauern
Entlang den Tempelresten,
Oeden Theatern, umgestürzten Mauern,
Drin ihre Jungen birgt die Fledermaus,
Gleich einer düstren Fackel,
Die qualmend schwankt durch menschenleere Hallen,
Läuft dann der Schein der todesschwangern Lava,
Die fernher durch die Schatten
Aufleuchtet und ringsum die Gegend röthet.
So, nichts vom Menschen wissend und den Zeiten,
Die er die alten nennt, und daß den Ahnen
Die Enkelkinder folgen,
Ruht ewig jung Natur, vielmehr durchmessen
Muß sie so weite Bahnen,
Daß sie zu ruhen scheint. Zu Grunde gehen
Geschlechter, Sprachen, Reiche: sie ist blind,
Und nur der Mensch glaubt ewig zu bestehen.

Und du, schmiegsamer,
Der du mit duft’gen Wäldern
Rings diese schmuckentblößten Fluren zierst,
Auch du wirst bald der schonungslosen Macht
Der unterird’schen Glut zum Opfer fallen,
Wenn sie wird niederwallen
Zum wohlbekannten Grund, dein weich Gezweige
Mit hämischem Bahrtuch deckend. Und du beugst
Unter dem Todesdruck dein schuldlos Leben
Ohn‘ alles Widerstreben.
Doch früher neigst du nicht mit feigem Flehen
Und unfruchtbarem Jammer je dein Haupt
Dem künftigen Verderber, noch erhebst du’s
In aberwitz’ger Hoffahrt zu den Sternen,
Verachtend diese Wüste,
Drin du erblüht, nicht eben
Durch freie Wahl, vielmehr durch Schicksalswillen;
Du, weiser als der Mensch
Und nicht am Wahne krank, als sei gegeben,
Durch Schicksal oder eigne
Kraft, deinem schwachen Stamm ein ewig Leben.

Leopardi, Giacomo: Gedichte und Prosaschriften. Berlin 1889

Wer Anregungen zur Interpretation dieses langen Gedichts wünscht, dem empfehle ich die Arbeit von Heinz Gerd Ingenkamp: Der Ginster – Giacomo Leopardi über das würdige Leben und Sterben.

 

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