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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

„Die Welt muss romantisiert werden“

sonnenstrahlen_img_0927Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau,
Der trübe Dunst wird Licht im Sonnen Auge:
Der Sonne Malerblick weiß alles zu verschmelzen,
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen,
In träger Nacht die Geisterwelt zu malen;
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schöne,
Unendlich ward ein Frühling allen Sinnen.
Die Tage sind jetzt liebliche Geschwister,
Die Jüngern stets dem Mutterherzen lieber;
Sie sprechen nach, was jene ältern fragen,
Sie haben noch was süßeres zu sagen,
Ein schöner Morgen ist des Frühlings Frühling,
Es wacht da alles auf, was je gelebt,
Und wärs im tiefsten Herzen fest verschlossen.

Achim von Arnim (1781 – 1831): Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores.

Achim von Arnim ist heute vor allem als Frühromantiker bekannt. Er hat sich aber auch mit physikalischen Fragen beschäftigt und in der bis heute zu den wichtigsten naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften der Welt gehörenden „Annalen der Physik“ publiziert. So schreibt der damals erst 19 jährige Student beispielsweise im Abstract zu seiner Arbeit unter dem Titel „Ideen zu einer Theorie des Magneten“:
Das Eisen ist nicht allein des Magnetismus fähig. Magnetismus des Diamanten, der Kohlen u. s. w. Zum dauernden Magnetismus des Eisens wird Sauerstoff erfordert, doch nicht die Verbindung mit Sauerstoff allein, sondern auch mit Kohlenstoff; alle beide in bestimmten Verhältnissen, weil sie sonst die Bedingung des Magnetismus, Cohärenz, aufheben Die auszeichnende Eigenschaft des Eisens zum Magnetismus besteht darin, bei der höchsten Cohärenz, mit dem Kohlenstoffe in verschiedenen Graden der Oxydation eine Verbindung in Metallform einzugehen. Ueber das Auszeichnende der Metallform Im rohen Eisen ist der Kohlenstoff stärker oxydirt als im Stahle; das rohe Eisen unterscheidet sich ferner durch Ungleichheit der Mischung mit Kohlenstoff. Chemischer Unterschied zwischen den beiden Polen des Magneten. Entgegengesetzter Unterschied der Erdpole, durch die ungleiche Erwärmung der nördlichen und südlichen Halbkugel hervorgebracht. Magnetismus des Kobalts. Kohlengehalt des Kobalts. Der Magnetismus des Diamanten, des Eisens und Kobalts lassen sich dadurch auf eine gleiche Ursache zurückführen. (Ann. Phys.3/1 (1800) 48–64).
Der Magnetismus und die Elektrizität waren um die Wende zum 19. Jahrhundert Themen, mit denen sich nicht nur Naturwissenschaftler im engeren Sinne befassten, sondern auch Dichter und Denker. Im Nachhinein kann man sagen, dass die Naturwissenschaften, insbesondere die Physik, in ihrer Entwicklung von den romantischen Ideen profitiert haben. Der Gedanke, die für das Leben als wichtig erachteten Polaritäten auf den Konflikt der Polaritäten Magnetismus – Elektrizität zu übertragen, führte schließlich den Naturphilosophen Hans Christian Oersted (1777 – 1851) zu seinem berühmten Oersted-Versuch, in dem es erstmalig gelang, einen direkten Zusammenhang zwischen Magnetismus und Elektrizität zu finden. Auch der Energiebegriff, der alle Bereiche der Physik und darüber hinaus mit einem einheitlichen Konzept verbindet, wurzelt konzeptuell in der Romantik und Naturphilosophie.
Auch wenn die Naturwissenschaften in ihren Ergebnissen und Theorien den Inbegriff von Rationalität und Berechenbarkeit darstellen, bei der Entdeckung von Neuem sind Kreativität und nondirektives Vorgehen gefordert. In diesem Sinne appeliert Novalis in dieser Zeit in seinen Fragmenten entgegen der allgemein geforderten wissenschaftlichen Aufklärung: Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. […] Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Aussehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, romantisiere ich es.

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Diskussionen

6 Gedanken zu “„Die Welt muss romantisiert werden“

  1. Toller Einblick – wieder einmal herzlichen Dank für die Anregung! Bis jetzt hatte ich nur Goethe als Künstler-Wissenschaftler auf dem Schirm …

    Verfasst von simonsegur | 15. Juni 2017, 10:39
    • Damals waren die Auffächerung und Spezialisierung der Erfahrungswelt auch noch nicht so krass wie in unseren Tagen, sodass man kaum noch Gemeinsamkeiten erkennt. Daher ist es mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, denn schließlich sind die Poesie, die Kunst und die Naturwissenschaften aus denselben kulturellen Ursprüngen hervorgegangen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 15. Juni 2017, 18:47
      • Ja, das Universalgenie fehlt heutzutage. Liegt das wirklich an der notwendigen Spezialisierung in den Wissenschaften, an der Vielzahl von Daten und Infos? Oder an „unserer“ modernen Art und Weise?
        Liebe Grüße!

        Verfasst von simonsegur | 15. Juni 2017, 18:50
      • Die extreme Spezialisierung wird wohl einer der Gründe dafür sein, dass es keine Universalgenies mehr gibt und geben kann. Die Welt ist komplexer, unüberschaubarer geworden.Ebenfalls liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

        Verfasst von Joachim Schlichting | 16. Juni 2017, 09:18

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