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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Metaphern der Grenzüberschreitung (8)

aufklaerung_dsc04340Die physikalische und die literaische Sehweise sind grundsätzlich unvereinbar. Die eine kann nicht ohne logischen Bruch in die andere überführt werden. Dasselbe gilt für die physikalische und die lebensweltliche Sehweise. In beiden Fällen ist eine Grenzüberschreitung nötig und die ist nur in Bildern möglich, die im Vollzug des Übergangs zu Metaphern werden und die nach Georg Christoph Lichtenberg „weit klüger (sind) als ihr Verfasser und so sind es viele Dinge. Alles seine Tiefen. Wer Augen hat der sieht alles in allem“(F 369). Deshalb schlägt er vor, „die ganze Physique zu durchlaufen und Ähnlichkeiten aufzusuchen“ (J 1566). Und so sieht er beispielsweise das Fliegen des Menschen mit gasgefüllten Ballons in Analogie zum Schwimmen der Fische im Wasser und vermag daraus nicht nur ein anschauliches Verständnis für die physikalischen Vorgänge zu vermitteln, sondern darüber hinaus ganz praktische Vorschläge für die Sicherheit beim Fliegen und beim Schwimmen abzuleiten. „Der Mensch hat bisher bloß deswegen nicht fliegen können, weil es ihm schwer fiel, Flügel zu bewegen, die die Last seines Körpers tragen sollten. Jetzt, da er sich so leicht machen kann, als er will, und die Flügel nur braucht, sich zu lenken und etwa ein paar Pfund zu heben, so wird er künftig auch mit einer Blase fliegen, wie die Fische mit einer Blase schwimmen. Den Luftschiffern wären solche Flieg-Blasen sehr zum Notfall zu empfehlen. So wie es auch nützlich sein könnte, sich mit Kork und kleinen Booten zu versehen“ [1]

Metaphern legen nicht fest und eröffnen in ihrer Bildlichkeit mögliche Assoziationsräume für den Leser (bzw. den Lernenden) und haben schließlich „mehr zu sagen, als der Schriftsteller bei ihrer Verwendung gedacht hat“ [2]: Denn „wenn man ein altes Wort gebraucht, so geht es oft in dem Kanal nach dem Verstand den das ABC-Buch gegraben hat, eine Metapher macht sich einen neuen, und schlägt oft grad durch“ (F 116). „Denn man muß notwendig heut zu Tage anfangen, auch bei den ausgemachtesten Dingen, oder denen wenigstens, die es zu sein scheinen, ganz neue Wege zu versuchen“ (K 312). Das Auffinden und die Erforschung von Neuem sind für Lichtenberg von überragender Bedeutung. Wie ein roter Faden ziehen sich entsprechende Überlegungen durch sein ganzes schriftstellerisches Werk (ausführliche Erörterung dieses Aspektes hier). Dabei geht er sogar so weit, häufigen Irrtümern etwas Positives abzugewinnen, weil sie uns helfen, (in) Alternativen zu denken und uns die Kontingenz des Seins vor Augen führen: „Selbst unsere häufigen Irrtümer haben den Nutzen, daß sie uns am Ende gewöhnen zu glauben, alles könne anders sein, als wir es uns vorstellen. Auch diese Erfahrung kann generalisiert werden, so wie das Ursachen- Suchen, und so muß man endlich zu der Philosophie gelangen, die selbst die Notwendigkeit des principii contradictiones leugnet (J 942).

Dennoch ist sich Lichtenberg der Tatsache bewusst, dass zumindest für Lernende „die gebahnten Wege etwas sehr Gutes“ (K 312) sind und „das Nachahmen ist allezeit, wie mich dünkt, eine sehr nützliche Sache (B 126). Hinzu kommt, dass in der Lehre auch abstrakte Ideen an konkreten Beispielen illustriert werden müssen: „Diejenigen Lehrer, die die größten Schüler gezogen haben, sind immer diejenige gewesen die anschauliche Theorien gehabt haben, die synkretistischen Freidenker können berühmte Leute werden, sie sind aber gewiß nie glückliche Lehrer. Es ist nichts Festes darin, für sie selbst wohl, aber das paßt für keine Zuhörer“ (J 476). Lichtenberg spricht hier mit großer Deutlichkeit ein didaktisches Problem an, dass uns auch heute noch bewegt: Ist ein guter Forscher ohne weiteres auch ein guter Lehrer?


[1] Lichtenberg, Georg Christoph: Schriften und Briefe. Band III. München 1972, S. 72
[2] Siebenhaar, Klaus: Lichtenbergs Schaubühne. Opladen 1994, S. 25
Die Buchstaben-Ziffernkombination bezieht sich auf die Klassifikation in Lichtenbergs „Sudelbüchern“.

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