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Physik und Kultur, Verschiedenes

Blicken und Überblicken (Lichtenberg 5)

blicken_img_2167Georg Christoph Lichtenberg ist einer der ersten, der die Tragweite der Entdeckung der Linse für die Naturwissenschaften und für die Menschheit ganz allgemein erkennt und ausdrucksstark beschreibt. Dabei bringt er aber auch die metaphorische Potenz der Linse als „tubis heuristicus“ gegen die Möglichkeiten der realen Linse in Stellung. „Denn wenn Scharfsinn ein Vergrößerungs-Glas ist, so ist der Witz ein Verkleinerungs-Glas. Glaubt ihr denn daß sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungs-Gläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungs-Gläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente in der Intellektual-Welt sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. Der Mond sieht durch einen verkehrten Tubum aus wie die Venus und mit bloßen Augen wie die Venus durch einen guten Tubum in seiner rechten Lage. Durch ein gemeines Opern-Glas würden die Plejaden wie ein Nebelstern erscheinen. Die Welt, die so schön mit Bäumen und Kraut bewachsen ist, hält ein höheres Wesen als wir vielleicht eben deswegen für verschimmelt. Der schöne gestirnte Himmel sieht uns durch ein umgekehrtes Fern-Rohr leer aus“ (D 469)*.

Lichtenberg bringt hier die auch für das Lernen von Physik so wichtige Dialektik zwischen genauem Hinsehen und distanzierendem Überblicken zum Ausdruck, indem er darauf aufmerksam macht, dass das, was man sieht, nicht nur davon abhängt, worauf man blickt, sondern auch davon wie man darauf blickt. Mit dem Verkleinerungsglas sieht man weniger aber dafür behält man den Überblick. Damit möchte er in der ihm eigenen Anschaulichkeit darauf hinweisen, dass wir meistens zu viel sehen, um (ein)sehen zu können, was von Belang ist. Er bringt auf diese Weise die Bedeutung der Komplexitätsreduktion für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Information zum Ausdruck und nimmt wesentliche Probleme unseres Informationszeitalters auf geradezu poetische Weise vorweg. „Obgleich objektive Lesbarkeit von allem in allem überall statt finden mag, so ist sie es deswegen nicht für uns, die wir so wenig vom Ganzen übersehen, daß wir selbst die Absicht unsers Körpers nur zum Teil kennen. Daher so viel scheinbare Widersprüche für uns überall“ ( Schriften und Briefe. Band III. München 1972, S. 290).

Die dem Verkleinerungsglas zugeordnete Funktion des Übersehens und Überblickens kann manchmal auch durch eine rein gedankliche Vorwegnahme des realen Sehens zustande kommen: „Der erste Blick, den ich im Geist auf eine Sache tue, ist sehr wichtig. Unser Geist übersieht die Sache dunkel von allen Seiten, welches oft mehr wert ist, als eine deutliche Vorstellung von einer einzigen“ (D273).


*Die Buchstaben-Ziffern-Kombination bezieht sich auf die Klassifikation in den Lichtenbergschen „Sudelbüchern“ (Schriften und Briefe. Band I und II. München 1972).

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Blicken und Überblicken (Lichtenberg 5)

  1. Herzlichen Dank für das tolle Zitat, Deine Ausführungen dazu und nicht zuletzt das treffliche Foto. Hast wieder einmal meinen Blick geschärft 🙂
    Liebe Grüße!

    Verfasst von simonsegur | 25. Juli 2017, 10:07

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