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Physik und Kultur

„Die Hauptsache ist immer unsichtbar*“ (Lichtenberg 7)

hauptsache_dscf2069rvDer Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) geht davon aus, dass von der sichtbaren Oberfläche der Gegenstände und ihrem Verhalten nicht ohne weiteres auf das innere Wesen geschlossen werden kann. Dieses bleibt trotz der großen Erfolge bei der Ausweitung der Sichtbarkeit durch Fernrohr und Mikroskop verborgen und verweist einmal mehr auf die spezifische Kontingenz unserer Wahrnehmung. Denn wie Lichtenberg am Beispiel der Newtonschen Gravitationskraft illustriert, ist oft das Wesentliche gerade in dem enthalten, was wir nicht sehen:In diesem Falle würden uns die Planeten Kreise um ein unsichtbares Wesen zu beschreiben scheinen, gerade so wie in dem altem Systeme die Planeten um die Mittelpunkte ihrer Epicyklen. In den Mittelpunkt der Epicyklen setzen die Alten nichts. Wir nennen das unphysi(kali)sch. Aber ist es begreiflicher, daß die Erde sich in einem Kreise bewegt, weil in dem Mittelpunkte desselben sich etwas Sichtbares aufhält, da doch durch den ganzen Raum, durch welchen der Zug ausgeübt wird, nichts sichtbar ist? Die Hauptsache ist immer unsichtbar. Was unser Auge bey diesem Umlauf gewahr wird ist nicht das, was den Planeten hält“ *. Interessanterweise gelingt es ihm auch hier noch durch das Bild der immateriellen Mittelpunkte der Epizyklen im geozentrischen Weltbild das Unsichtbare zu veranschaulichen.

Neben der Kritik an der Überzeugung einer durchgehenden Sichtbarkeit, wird hier sehr früh ein Problem der Newtonschen Mechanik angesprochen, das letztlich erst im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie gelöst werden sollte. Die dabei wieder erlangte neue Anschauung einer durch gravitierende Massen gekrümmten Raumzeit ist allerdings nur in Form grober Visualisierungen zugänglich.

Am Beispiel des Magnetismus stellt Lichtenberg ein ähnliches Problem fest: „Es ist überhaupt ein Beweis von der großen Eingeschränktheit unserer Sinnlichkeit, daß wir gerade die Hauptsachen nicht sehen. Beym Magnet sehen wir seine Farbe, und fühlen sein Gewicht, seine Undurchdringlichkeit, seine Härte; aber diese Eigenschaften sind es nicht – weder einzeln noch zusammengenommen – vermöge welcher er das Eisen zieht. Denn alle diese Eigenschaften besitzen auch andere Körper„*. Auch dieses Problem sollte erst im 20. Jahrhundert im Rahmen der Quantenphysik eine Auflösung erfahren. Doch auch hier hat die dabei wiedererlangte „Sichtbarkeit“ ihren optischen Charakter vollends verloren.


*Lichtenberg, Georg Chr.; Physikalische und mathematische Schriften 1806

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