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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Stroboskopische Aufhebung des freien Falls im Zentrum für internationale Lichtkunst

Wir sind in den vorangegangenen Rundgängen im Zentrum für internationale Lichtkunst bereits durch mehrere Räume und Korridore der alten Fabrik gegangen und lassen es uns nicht nehmen, auch noch einen Gang durch den „reflektierenden Korridor“ vom Lichtkünstler Olafur Eliasson (*1967) zu unternehmen, obwohl bereits das Rauschen fallender Wassertropfen ankündigt, dass es hier feucht werden könnte. Aber die Befürchtung erweist sich als unberechtigt, sofern man auf dem vorgesehenen Weg bleibt und nicht versucht, dem Untertitel der Installation „Entwurf zum Stoppen des freien Falls“ entsprechend die Tropfen eigenhändig zum Stillstand zu bringen.
Dafür sorgen bereits stroboskopische Scheinwerfern, deren Frequenz auf die fallenden Tropfen abgestimmt ist. Demnach fallen die Tropfen in der Dunkelphase gerade so weit, dass sie die Position der in der vorangegangenen Hellphase dort gesehenen Tropfen einnehmen. Da wir den in Fall in der Dunkelphase nichts sehen, wird der Eindruck erweckt, als würden die Tropfen immer an derselben Stelle bleiben und ihr freier Fall dem Titel entsprechend gestoppt.
Der Reiz dieser Installation besteht vor allem im scheinbaren Widerspruch zwischen dem, was man hört (es rauscht), spürt (man wird von gelegentlich von Wassertropfen getroffen) und vielleicht auch riecht (man inhaliert einen feinen Wasserdunst) und dem, was man sieht (einen weitgehend erstarrten Tropfenvorhang).
Vollständige Immobilität wird wegen der Naturwüchsigkeit fallender Tropfen, deren Form und Geschwindigkeit geringfügig schwanken, nicht erreicht. Aber diese Abweichung vom Ideal wirkt belebend und wird zudem unterstützt durch zufällig aufblitzende und teilweise in Spektralfarben glitzernde Tropfen. Den statistischen Schwankungen der Form der Tropfen entsprechend fällt das an ihnen reflektierte und/oder gebrochene Licht immer dann in unsere Augen, wenn die Tropfenoberfläche gerade passend orientiert ist.
Die Lichtblitze und hier insbesondere die durch Brechung und Dispersion des Lichts in den Tropfen entstehenden Farben lassen sich im Foto nicht so einfach erfassen, wie es unsere Augen vermögen. Hier hilft eine bewusste Unschärfefotografie (unteres Bild), die zumindest einen groben Eindruck davon vermittelt, was in dem mehr als „reflektierenden Korridor“ erlebt werden kann.

Diskussionen

5 Gedanken zu “Stroboskopische Aufhebung des freien Falls im Zentrum für internationale Lichtkunst

  1. Kennst du den Wortwasserfall?

    Verfasst von aquasdemarco | 11. Oktober 2017, 11:06
    • Wenn du mit dieser Wortschöpfung auf den bit.fall von Julius Popp anspielst, so kenne ich den nur aus einem Video. Leider habe ich diese wahrhaft tolle Installation, die vor Jahren u.a. in Groningen gezeigt wurde, verpasst. Beim bit.fall fallen ja tatsächlich Worte aus Tropfen herab. Oder hast du an etwas ganz anderes gedacht?

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Oktober 2017, 13:47
  2. Mit jedem neuen Beitrag zum Zentrum machst Du mir mehr Lust auf dieses Museum 🙂 Den Eliasson mag ich ohnehin, diese „Tropfenfall“-Installation klingt exeptionell. Ich sage meinen Dank!

    Verfasst von simonsegur | 11. Oktober 2017, 12:23
    • Das Museum lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn nicht alle Installationen permanent sind. Zu empfehlen ist auch der Turm von James Turrell, den ich zwar besucht habe, aber nicht in Aktion. Dazu muss man sich anmelden. Schon deshalb bin ich nicht zum letzten Mal dort gewesen. Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. Oktober 2017, 13:51

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