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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie

Anschauungen und Begriffe (Lichtenberg 10)

anschauung_dscf5386_rvGeorg Christhoph Lichtenberg teilt die Auffassung Immanuel Kants, dass „Gedanken ohne Inhalt (…) leer, Anschauungen ohne Begriffe (…) blind (sind). Daher ist es notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, (d.i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d.i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen, oder auch Fähigkeiten, können ihre Funktionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, dass sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen (Kant: Kritik der reinen Vernunft). Er lobt daher den Menschen „der viel gedacht und gelesen und erfahren hat, und der alles was er gedacht gelesen und erfahren hat bei jeder Sache die er unternimmt also auch bei jedem Buch das er schreibt vereint zum besten Zweck anzuwenden weiß, alles so anschaulich darzustellen, daß jeder sehen muß was er selbst gesehen hat“ (J 1559)*. So lobt er beispielsweise Plato für seine Bilder mit denen er Begriffe veranschaulicht: „Wenn Plato sagt die Leidenschaften und die natürlichen Triebe seien die Flügel der Seele, so drückt er sich sehr lehrreich aus, solche Vergleichungen erläutern die Sache und sind gleichsam Übersetzung der schweren Begriffe eines Mannes in eine jedermann bekannte Sprache, wahrhafte Definitionen (A 20).
Geht es jedoch darum, Empfindungen anschaulich darzustellen, genügen ihm die Worte nicht mehr: „Eine Empfindung die mit Worten ausgedruckt wird, ist allzeit wie Musik die ich mit Worten beschreibe, die Ausdrücke sind der Sache nicht homogen genug. Der Dichter, der Mitleiden erregen will, verweist doch noch den Leser auf eine Malerei und durch diese auf die Sache. Eine gemalte schöne Gegend reißt augenblicklich hin, da eine besungene erst im Kopf des Lesers gemalt werden muß. Bei der ersten hat der Zuschauer nichts mehr mit der Einrichtung zu tun, sondern er schreitet gleichsam zum Besitz, wünscht sich die Gegend, das gemalte Mädgen, bringt sich in allerlei Situationen, vergleicht sich mit allerlei Umständen bei der Sache (A 65).
Solche „anschaulichen“ Beschreibungen profitieren vom dichterischen Vermögen Lichtenbergs, dessen bildhafte Imagination die empirisch erfasste Wirklichkeit insofern übersteigt, als die in ihr enthaltenen Möglichkeiten mitgedacht und mitbedacht werden, wie es in der folgenden Passage eines Briefes zum Ausdruck kommt: „Hannover ist kein so übler Ort bey dem bösen Wetter, was wird er erst beym guten seyn, ich habe nur den Wall und einige Spaziergänge gesehen, und mit meiner Einbildungskrafft hier und da das fehlende grün und die fehlende Gesellschafft hinzugesezt, ich kan dir nicht beschreiben wie sie sich ausnahmen“ (G. Chr. Lichtenberg. Schriften und Briefe. Band IV. München 1972, S. 47).
Als Dichter schöpft Lichtenberg seine Fantasie aus und geht über Kant hinaus. Er distanziert sich aber auch dadurch von Kant, dass er seinen Skeptizismus (zweifle an allem) auch auf die sinnliche Wahrnehmung selbst bezieht und damit die Verlässlichkeit des eigenen Erkennens in Frage stellt. „Wir nehmen Dinge wahr vermöge unsrer Sinnlichkeit. Aber was wir wahrnehmen sind nicht die Dinge selbst, das Auge schafft das Licht und das Ohr die Töne. Sie sind außer uns nichts. Wir leihen ihnen dieses. Eben so ist es mit dem Raume, und der Zeit. Auch wenn wir die Existenz Gottes nicht fühlen, beweisen können wir sie nicht. Alle diese Dinge führen auf eines hinaus. Es ist aber nicht möglich sich hiervon ohne tiefes Denken zu überzeugen. Man kann Kantische Philosophie in gewissen Jahren glaube ich eben so wenig lernen als das Seiltanzen“ (J 1168).
Hier profitiert der Physiker vom Dichter, durch den das Experimentieren mit Gedanken und Worten neue Möglichkeiten zum Experimentieren mit den Dingen nahelegt wird. Aber auch der Dichter geht nicht leer aus. Die Physik liefert die Metaphern und Bilder für die poetische Imagination.


  • Die Buchstaben-Ziffernkombination verweist auf Zitate aus Lichtenbergs Sudelbüchern.
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