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Physik im Alltag und Naturphänomene, Physik und Kultur

Die gefrorenen Fenster

Die Eisblumen

In Häusern findet man zur Winterzeit
Solch eine wunderbar formierte Zierlichkeit
Die Keiner tüchtig zu beschreiben;
Wenn die gefrornen Fensterscheiben
Von tausend zierlichen und schönen Kreaturen
Uns tausend zierlich Figuren
In solcher zarten Nettigkeit
Und doch in dunkler Nacht erzeugt, uns frühe zeigen.

Da sieht man in den kalten Zimmern
Erhabne Berge, Täler, Felder
Nebst ungezählten krausen Zweigen
In diamantnen Farben schimmern.
Man siehet Wolken, Buschwerk, Wälder
Aus Feder-Buschen, Sternchen, Tieren
Sich mancherlei Gestalt formieren.
Die Schlösser aus gefrornem Duft
Die man im Frost am Fenster schauet
Vergleichen sich den Schlössern in der Luft
Die mancher sich des Nachts auf seinem Lager bauet;
Die nicht von längrer Daur, als eines Traumes Freude,
Denn eh man sich’s versieht, sind beide schnell dahin,
Die dort aus dem Gesicht, die hier aus unserm Sinn:
Der Sonne Strahl vereitelt alle beide.
Ein jedes Scheibenglas, wie eine Malerei
Ziert ein gevierter Rahm‘ von Blei
Ein jedes ist so schön, so wunderbar gezieret
Zumal wenn durch die klaren Eisesspitzen
Der Morgenröte Strahlen blitzen.
Und an dem weißen Eis ihr rötlich Licht
Auf tausend Arten sich im Widerschlage bricht.
Man wettet drauf, wenn es so schön durchstrahlet,
Daß es mit diamantnem Staub gemalet.
Allein, indem sie recht im höchsten Schimmer prangen,
Sind sie vergangen.

Seh ich so manche schön und zierliche Figur,
In einem Augenblick zerfließen und verschwinden,
So deucht mich von der sich verwandelnden Natur,
Aus ihrem Urbild selbst, ein schreckend Bild zu finden.
In der hiedurch auch mich bedrohenden Gefahr
Ist dies mein Trost: Ich werde doch bestehen
Laß alles schwinden und vergehen
Mein Gott ist stets unwandelbar.

Barthold Hinrich Brockes (1680 – 1747)

Diskussionen

8 Gedanken zu “Die gefrorenen Fenster

  1. Sehr schön – aber leider bei – doppeltverglasten Fenster und ziemlich viel wärmeren Temperaturen – nicht mehr so häufig zu sehen😕

    Verfasst von ele21 | 8. Februar 2018, 00:19
    • Stimmt, im geheizten Haus, findet man die Eisblumen kaum noch vor – daher das Gedicht von Brockes, das meines Erachtens einige der verloren gegangenen Eindrücke beim Anblick der Eiskristalle wiedergibt. Meine Fotos verdanke ich einem einfach verglasten Gewächshaus.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 8. Februar 2018, 09:53
  2. So geliebt in der Kindheit, und vermisst im doppelverglasten Erwachsenenleben. Die erste Liebe zur wichtigsten Formenwelt, die wir kennen.

    Verfasst von puzzleblume | 8. Februar 2018, 08:36
    • So empfinde ich das auch. Zum Glück bietet das einfach verglaste Gewächshaus einen gewissen Ersatz. Den (erinnerten) Gefühlen aus der (vielleicht etwas verklärten) Kindheit kommt der Anblick jedoch nicht im Entferntesten gleich.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 8. Februar 2018, 09:31
  3. Sehr schöne Bilder. Ich mag Eisblumen auch, wegen der filigranen Muster. Oft findet man sie bei Frost morgens an Autoscheiben, das gibt dann bei Sonnenaufgang schöne Ansichten.

    Verfasst von gnaddrig | 8. Februar 2018, 22:26

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