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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Der junge Mond im Geäst verhaspelt

Dem jungen Mond wird meines Erachtens nicht nur in der Belletristik – von einigen sehr schönen Ausnahmen abgesehen – zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Unter „Mond“ versteht man meistens den Vollmond, ohne es explizit zu sagen. Dabei beginnt mit dem jungen Mond, der feinen Sichel, die sich nach den dunklen Neumondnächten, nur kurz aber mit der Zeit immer länger und deutlicher zeigt, ein Zyklus des Neubeginns, den ich gelernt habe, in mein Leben zu integrieren. Voraussetzung ist natürlich, dass uns in unseren Breiten das Wetter Gelegenheit bietet, die Entwicklung des Monds in Richtung Vollmond überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Aber zurzeit ist das wieder mal der Fall. Der grazile Bogen des zwei Tage alten Mondes  ist gerade dabei langsam hinter dem Geäst der Bäume zu verschwinden. Oder hängt er im Geäst? Felix Timmermans (1886 – 1947) muss eine ähnliche Situation vor Augen gehabt haben. Als er aufblickte „sitzt der Mond, seine silbernen Hörner in den Zweigen verhaspelt, im mageren Apfelbäumchen“*.
Schön muss es auch sein, den jungen Mond am Meer zu erleben. Ausdruckstark beschreibt es Erhard Kästner (1904 – 1974): „Der Ufersaum, ein köstlicher junger Mond, aufgehangen zwischen zwei Bergketten am Rande des Abendlandes, andächtig benetzt von weißlichem Schaume, und fein und klingend und dünn, wie der Rand einer Schale. / Ein Trinkrand des Erdteils“**.
Leider sind in unserer Zeit aufgrund der zunehmenden Lichtverschmutzung gerade die subtileren Lichterscheinungen am Himmel kaum mehr zu sehen. Ich hoffe, dass wenigstens der Mond so viel Sonnenlicht reflektiert, dass wir auch in unseren Städten wenigstens auf diese Weise noch an den kosmischen Ereignissen teilnehmen können, die uns immer wieder daran erinnern, nur ein winziger Teil eines viel größeren Ganzen zu sein.


* FelixTimmermans. Die sehr schönen Stunden Jungfer Symforasas des Beginschens.Wiesbaden 1960
**Erhart Kästner. Kreta. Frankfurt 1975

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Der junge Mond im Geäst verhaspelt

  1. Sehr schön, dieser Beitrag.

    Verfasst von puzzleblume | 19. Februar 2018, 13:03
  2. Kann Puzzleblume nur zustimmen – wie stets ein schöner Beitrag. Zumal ich ähnliches schon dachte: Komisch, dass das dünnfeine Mondsichelhorn so selten in der Literatur auftaucht 🙂 Liebe Grüße!

    Verfasst von simonsegur | 19. Februar 2018, 18:06
    • Du hast völlig recht, in meiner relativ großen Zitatesammlung aus der Literatur kommt der junge Mond nur wenige Male vor, obwohl es einige Autoren gibt, bei denen es von Mondzitaten nur so wimmelt (z.B. Arno Schmidt, Felix Timmermans). Vielen Dank für deinen Kommentar und liebe Grüße, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Februar 2018, 18:46

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