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Marginalia

Ein blutender Baum

Der Walnussbaum wuchs schnell. Er breitete seine Äste auch dort aus, wo sie nicht zu gebrauchen waren. Also sägte ich einen störenden Ast ab. Was ich dann erlebte war für mich erstaunlich. Der Baum gab durch die Wunde Säfte in einem Maße ab, dass ich Angst bekam er könnte „verbluten“. Ich verband den Aststumpf mit einer festen Gummimembran und hoffte, dadurch den Saftstrom aufzuhalten. Doch was passierte, sieht man auf dem Foto. Die Membran wurde wie ein Ballon aufgeblasen. Schon nach etwa einer Stunde hatte der Ballon einen Durchmesser von 8 Zentimetern. Am nächsten Morgen war der Ballon geplatzt und der Baum saftete unentwegt weiter. Er tat es etwa eine Woche lang, bis die Wunde schließlich trocknete und sich mit den Baumeigenen Mechanismen zu verschließen begann. Der Baum hat es gut überstanden. Im Herbst gab es keine Einschränkungen in der Nussernte und die Wunde war bereits teilweise mit frischem Gewebe vom Rande her überwulst.
Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht jede Pflanze derartige Flüssigkeitsverluste übersteht. Erstaunlich, mit welcher Stärke der Saftstrom durch das bei vordergründiger Betrachtung dichte Holzgewebe fließt! Man muss wohl davon ausgehen, dass dieser Flüssigkeitsstrom ohne meinen Eingriff für die neuen Triebe und andere Funktionen benötigt worden wäre. Oder weicht hier nur der Wurzeldruck auf die schwächste Stelle aus?

Diskussionen

11 Gedanken zu “Ein blutender Baum

  1. Die Geschwindigkeit überrascht.Und auch die Menge.
    Soweit ich weiß werden die Flüssigkeitsbahnen,Phloeme genannt. Wohlleben in seinen Büchern beschreibt sehr schön, wie das Programm zur Wundverschliessung anspringt und was es leistet. Jeder Art von Verletzung ruft eine Reaktion hervor, die genetisch festgelegt ist.
    Interessant z.b. seine bemerkung über einen Nachbarbaum, der gefallen ist. Durch die freigewordene Krone bedingt, versuchen die umstehenden Bäume die Lücke zu nutzen und treiben kräftig aus. Welcher Baum das zu heftig macht, verliert derweil die Kraft und Aufmerksamkeit zur Immunabwehr, sodaß er womöglich durch Parasiten befallen wird.
    Diejenigen Bäume fahren gut, die moderat vorgehen.

    Verfasst von kopfundgestalt | 11. April 2018, 07:12
    • Ich war vor allem über die Menge und den Druck erstaunt, denn die Gummimembran war einigermaßen stabil. Vielen Dank für den Hinweis auf die Literatur. Klingt sehr interessant.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. April 2018, 08:56
      • Man berichtet, daß man in bestimmten Bäumen den Fluss des Wassers hoch zu den Blättern hören kann. Die Geschwindigkeit kann in einzelnen Arten durchaus „groß“ sein. Zahlenmaterial habe ich leider nicht im Kopf.

        Verfasst von kopfundgestalt | 11. April 2018, 11:24
      • Das ist richtig. Der Flüssigkeitsaufstieg hohen Bäumen ist von Kavitationserscheinungen (Implosion von Dampfblasen) begleitet, die man mit passenden Mikrofonen registrieren kann.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 11. April 2018, 12:01
      • Das ist noch ein Stück näher dran, danke!

        Verfasst von kopfundgestalt | 11. April 2018, 12:15
  2. Ich finde die Idee des Verbandes klasse. Warum aber Gummimembran? Eignen sich Baumwolle und Leinengewebe nicht besser?

    Verfasst von buntegespinste | 11. April 2018, 10:36
    • Ich wollte einerseits wissen wie viel Flüssigkeit der Baum abgibt und andererseits ein Gefühl dafür bekommen, mit welchem Druck die Flüssigkeit herausgepresst wird. Beides wäre mit Leinen und Baumwolle nicht gelungen, weil diese Materialien die Flüssigkeit durchlassen und keinen Gegendruck entfalten.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. April 2018, 11:14
  3. Auf dem Nachbargrundstück einer Freundin wurde mal einer Birke ein Ast amputiert, und mindestens zwei Tage lang schoss das Wasser regelrecht heraus und plätscherte neben dem Stamm auf die Erde – als hätte der Baum eine Pumpe angestellt. Da dachte ich auch, die Birke verblutet, und auch sie hat es überstanden.

    Verfasst von christahartwig | 11. April 2018, 10:43
    • Beim Verbluten denkt man vielleicht zu schnell an ein Lebewesen mit einem stark begrenzten Vorrat an Blut. Bei Pflanzen sieht es vermutlich anders aus, weil diese die Flüssigkeit über den Wurzeldruck (Osmose) aus dem feuchten Erdreich beziehen. Und wenn der Nachschub funktioniert halten sich wohl die Einschränkungen die restliche Pflanze erfährt in Grenzen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 11. April 2018, 11:20

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