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Physik im Alltag und Naturphänomene

Der Zunderschwamm bleibt aufrecht

Zunderschwamm sieht man zurzeit viel in den Wäldern unserer Gegend. Das ist ein gutes Zeichen, weist es doch darauf hin, dass sie nicht mehr so intensiv bewirtschaftet werden und Bäume auch mal in Ruhe absterben dürfen. Denn auf absterbenden Bäumen tobt das pralle Leben. Am auffälligsten sind vielleicht die Zunderschwämme, konsolenartige geschichtete Pilze, die manchmal in großer feuriger Farbenpracht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen (unten links). Erstaunlich ist, mit welcher Konsequenz sie ihre Horizontalität des Wuchses aufrecht erhalten. Wenn sich nämlich ein Zunderschwamm an einem absterbenden Baum entwickelt hat und dieser Baum aus welchen Gründen auch immer umkippt, wächst er nicht etwa um 90° gegen die Horizontale weiter, sondern „dreht“ sich auf elegante Weise um 90° bis er wieder die ursprüngliche Orientierung angenommen hat (unten rechts).
Dieses geotropische Verhalten des Zunderschwamms bedeutet, dass die neu zuwachsenden Fruchtschichten mit ihrer Unterseite immer zum Erdmittelpunkt ausgerichtet sind, d.h. der Richtung eines fallenden Gegenstands. Sobald die geotropischen Sensoren eine Veränderung wahrnehmen, erfolgt auf kontinuierliche Weise eine Anpassung an die neue Lage. Das kann natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen.
Der Zunderschwamm heißt so, weil er in früheren Zeiten nach einer bestimmten Präparation als Zunder verwendet wurde, eine Substanz, die aufgrund ihrer geringen Wärmekapazität und verhältnismäßig niedrigen Entzündungstemperatur leicht entflammt werden kann. Wie auch immer erzeugte Feuerfunken reichen aus, um den Zunder zum Glimmen zu bringen und mit ihm die gewünschten Stoffe zu entflammen.

Diskussionen

19 Gedanken zu “Der Zunderschwamm bleibt aufrecht

  1. viel zu schauen und zu lernen gibt es wieder bei dir. Danke!

    Verfasst von gkazakou | 19. Mai 2018, 10:29
  2. Danke für den informativen, faszinierenden & poetischen Beitrag. Da werde ich beim nächsten Waldspaziergang wieder ganz anders durch die Welt gucken 🙂 Liebe Grüße!

    Verfasst von simonsegur | 19. Mai 2018, 10:32
  3. Eine tolle Eigenschaft. Die Beobachtung, dass man sie häufiger sieht, habe ich auch schon gemacht. Faszinierend ist auch, dass man sich wieder ihrer nützlichen Eigenschaften als Material für Bekleidungsgegenstände entsonnen hat, die man im Mittelalter schon gekannt hat: Zunderschwamm-Trama als veganes „Leder“ .

    Verfasst von puzzleblume | 19. Mai 2018, 17:55
    • Vielen Dank für die schöne Ergänzung. Ich habe zwar auch schon von den Ledereigenschaften gehört und man kann es sich gut vorstellen, wenn man so einen Schwamm in der Hand hat. Aber wie das im Einzelnen verarbeitet wird, muss ich noch in Erfahrung bringen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 19. Mai 2018, 18:46
  4. Es gibt auch Schnitzer, die aus solchen Schwämmen Kunstwerke schaffen und sie etwa auf Weihnachtsmärkten anbieten. Es bietet sich etwa ein Terassenbergkegel mit Gebäuden an.

    Heliotopes Wachstum wurde kürzlich bei mir konterkariert: Eine Hyazinthe wuchs gen Erdmittelpunkt. Meine Frau grub sie aus und lies sie in richtiger Richtung wachsen.
    Der Frühblütler lebt von der Knolle, die, wenn sie nicht richtig eingegraben ist, die Pflanze offenbar nach unten wachsen lässt und erst spät, wenn die Knolle „ausgedient ist“, die eigentliche heliotope Richtung einschlagen lässt.
    Ich glaubte jedenfalls meiner Frau, die sie ausgrub.
    Die Pfanze jedenfalls erholte sich weitgehend und brachte ein vernünftiges Blau und grüne Blätter hervor, die in der Erde noch gelb waren.

    Verfasst von kopfundgestalt | 19. Mai 2018, 23:10
  5. Vielen Dank für die interessanten Ergänzungen. Das mit den auf dem Kopf stehenden Knollen und Zwiebeln kann ich nur bestätigen. Unsere Osterglocken lassen sich auch nicht dadurch beirren, dass ihre Zwiebeln nach der Blüte durch andere Aktivitäten zum Teil überkopf in der Erde überwintern. Im Frühjahr bekommen sie stets den richtigen Dreh.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 20. Mai 2018, 09:13

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