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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Schnee im Mai?

Von weitem sieht es aus, als habe es geschneit, obwohl die angenehmen Temperaturen dagegen sprechen. Es wird allerdings sehr schnell klar, dass hier eine große Pappel ihre schneeweißen Samenfasern auf die Reise geschickt hat, die allerdings wegen der Windstille nicht allzu weit gekommen sind.
Schaut man sich die Pappelwolle aus der Nähe an, so entdeckt man, dass an jedem Flaum ein Samenkörnchen hängt, eine potenzielle neue Pappel. Angesichts der schieren Masse der Samen kann man davon ausgehen, dass die meisten von ihnen auf der Strecke bleiben.
Das Material der Pappelwolle ist reine Zellulose. Daher wurde sie früher auch benutzt, um feines Papier herzustellen. Greift man in einen Haufen Wolle hinein, so wundert man sich über die Weichheit und Widerstandslosigkeit. Man spürt kaum, etwas in der Hand zu haben. Daher werden diese feinen hohlen Fasern zum Spielball bereits leichter Luftbewegungen, womit die Chance besteht, weit weg getragen zu werden. Manchmal entstehen wahre Pappelschneegestöber, die anders als Wasserschnee nicht auf der Haut schmelzen, sondern den Eindruck äußerster Zartheit vermitteln. Wegen der geringen Wärmeleitfähigkeit der Luft ist die Pappelwolle, deren Fasern die Luft zwischen ihnen gewissermaßen festhalten, ideal zur Wärmeisolation. Außer dass Vögel die Fasern gelegentlich zum Nestbau benutzen, ist mir jedoch nicht bekannt, dass diese Eigenschaft in nennenswertem Umfang anderweitig ausgenutzt wird.

Diskussionen

9 Gedanken zu “Schnee im Mai?

  1. Das gefällt mir.
    Stichwort: Wärmeisolation.

    Gerade heute habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen, wie hoch der Prozentsatz ist, dass Bienen den männlichen Pollen einer Orchidee beim nächsten Kontakt mit dem weiblichen Pendant der nächsten Orchidee abstreifen.
    Daraus resultiert auch eine weitere Frage: Wie groß muss der Erfolg sein, damit eine Art überlebt?
    Sicher gibt es Zahlen dazu.
    Ich könnte mir Arten vorstellen, denen ein Erfolg von weniger als 1 Promille ausreicht. Gerade deswegen werfen diese ja eine Unmenge Samen ab.

    Verfasst von kopfundgestalt | 20. Mai 2018, 00:22
    • Ähnliche Gedanken gingen mir auch durch den Kopf. Die Natur ist meist ökonomisch. Das zeigt sich auch in den Naturgesetzen. Die scheinbare Verschwendung ist also offenbar notwendig, um das Überleben einer Art allen Eventualitäten zum Trotz zu garantieren.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 20. Mai 2018, 09:23
      • Es kommt auf den Energieaufwand an, abertausende Samen absetzen zu können. Wenn es vertretbar ist und die Chancen gut stehen…
        Bei einer bestimmten Stadtpflanze beobachtete man einen Wechsel in der Schwere von Samen innerhalb von 20,30 Jahren. Es war „sinnvoller“ für sie, daß die Samen bald „abregnen“, da diese Pfanzen oft auf Verkehrsinseln, Grünstreifen oder ähnlichem standen.

        Verfasst von kopfundgestalt | 20. Mai 2018, 11:11
      • Ist das nicht wunderbar im wahrsten Sinne des Wortes!?

        Verfasst von Joachim Schlichting | 20. Mai 2018, 19:09
      • Das ist es ungeheuer 🙂

        Verfasst von kopfundgestalt | 20. Mai 2018, 21:31
  2. Dieser „Schnee“ hat in meiner etwas früheren Kindheit jedes Jahr für Vergnügen gesorgt, denn die riesigen Pappelbäume Bäume standen in der Nachbarschaft, und meine Freundinnen und ich haben grosse Mengen gesammelt und kleine Kissen damit gefüllt (für kleine Puppen, unsere Mainzelmännchen z.B.), wahrscheinlich wegen der Kissen der Frau Holle ein naheliegender Gedanke im Märchenalter.
    Pappeln haben für einen Baum nur eine recht kurze Lebensdauer, das könnte mit ein Grund sein für ihren Aufwand.

    Verfasst von puzzleblume | 20. Mai 2018, 11:03
    • Ähnliches erinnere auch ich aus meiner Kindheit. Was das kurze aber heftige Leben der Pappeln betrifft, so habe ich ein Beispiel direkt vor der Nase. Ein Waldbauer hatte seinen kleinen Wald gründlich gerodet und anschließend gepflügt und geeggt, um neue Bäume (vermutlich wieder Fichten) zu pflanzen. Er war damit etwas säumig. Die Pappeln kamen ihm zuvor. Schon innerhalb von 2 Jahren waren sie so groß, dass er neu hätte roden müssen. Und heute nach nicht einmal 10 Jahren sind sie schon 15 bis 20 m hoch und entsprechend dick im Stamm. Noch einmal 10 bis 20 Jahre und sie sind ausgewachsen. Ein schönes Beispiel dafür, wie die Natur Fakten schafft.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 20. Mai 2018, 19:07
      • Kurz und heftig – die ideale Beschreibung, auch für Napoleon Bonaparte, auf dessen Anordnung französische Landstrassen mit Pappeln bepflanzt wurden, um möglichst bald die militärischen Bewegungen zu Fuss und Pferd weniger durch Sonnenhitze beeinträchtigt durchführen zu können.

        Verfasst von puzzleblume | 20. Mai 2018, 19:18
      • Auch gut! Den Schutz vor Sonne hat man allerdings nur in den ersten Jahren.

        Verfasst von Joachim Schlichting | 20. Mai 2018, 19:31

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