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Didaktik, Geschichte, Wissenschaftstheorie, Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Opfer stillschweigender Voraussetzungen

Vor ein paar Tagen habe ich ein Phänomen  beschrieben, bei dem eine mit Wasser gefüllte Flasche wie eine Lupe wirkt. Etwas ganz Ähnliches war mir vor Jahren schon einmal aufgefallen und ich hatte es während eines Essens sehr zum Ärger meiner Begleitung auch fotografisch festgehalten (siehe Foto). Mir schien die Situation klar: Die Schrift wird durch die Zylinderlinse (jedenfalls näherungweise), die hier als Zylinderlupe wirkt, in der Horizontalen vergrößert.
Im Unterschied dazu war diesmal die Schrift nicht nur vergrößert, sondern auch spiegelverkehrt. Eigentlich klar: Wenn man etwas Geschriebenes von hinten sieht – man blicke nur einmal durch ein beschriebenes Blatt Papier von hinten gegen eine helle Lichtquelle – so hat man den Sachverhalt ohne groß nachzudenken unmittelbar vor Augen.
Aber hatte ich nicht die Schrift auf dem Bierglas richtig herum gesehen? Ich kramte das Bild unter ziemlichem Zeitaufwand hervor und fand mich in meiner Erinnerung bestätigt. Der Schriftzug der Inhaltsangabe auf dem Glas schien mir außerdem zu beweisen, dass hier nichts invertiert worden war. Erst allmählich dämmerte mir, dass ich es mit symmetrischen Buchstaben zu tun hatte: B, E, C, K sehen an der horizontalen – bzw. auf dem Glas an der vertikalen – Symmetrieachse gespiegelt gleich aus (wenn man einmal von den marginalen Abweichungen absieht, die dadurch zustande kommen, dass beispielsweise beim „B“ der obere Bogen oft kleiner als der untere geschrieben wird). Und da der einzige nichtsymmetrische Buchstabe, das S an der oberen Kante im Bierschaum verschwand und daher nicht warnend in Erscheinung trat, konnte kein Verdacht gegen die stillschweigende Unterstellung aufkommen, ein Schriftzug lese sich von hinten und vorne gleich. Werch ein Illtum! kann man da nur mit Ernst Jandl (1925 -2000) sagen.
Mich an diese peinliche Situation erinnernd, (obwohl es außer mir keiner mitbekam), wollte ich die Probe aufs Exempel machen. Ich invertierte flugs die Wasserflasche und war gespannt, ob es jemand merken und mir auch mitteilen würde. Bislang hat sich keiner gemeldet.
Ich betone das deshalb, weil ich eigentlich finde, dass digitale Eingriffe in Fotos von Alltagsphänomenen nur in Ausnahmefällen (siehe diesen) erlaubt sein sollten. Denn ein übermäßiger Gebrauch könnte das Vertrauen in Fotos erschüttern, was ich keinesfalls wünschen kann. Wenn jemand bei dem Bemühen ein kompliziertes Phänomen zu lösen damit rechnet, es könnte manipuliert sein, bestünde die Gefahr, dass sie oder er zu früh aufgibt. In manchen Fällen (um wie hier die Leichtgläubigkeit zu hinterfragen, mit der man Nebenaspekte einfach hinnimmt, wenn der Hauptaspekt schlüssig geklärt ist) scheint mir eine solche Täuschung jedoch gerechtfertigt.

Diskussionen

2 Gedanken zu “Opfer stillschweigender Voraussetzungen

  1. Meine Naturfotos, lieber Joachim, schneide oder rücke ich nur zurecht. Das ist das Einzige. Die Farbwirkung, so wie sie Kamera und Software „übersetzt“, daran gehe ich nicht.
    Jemand riet mir, um der Dramatik wegen die Kontraste etwas zu erhöhen (da ja ohnehin Software zwischengeschaltet ist), doch etwas sträubt sich in mir, nachzuhelfen.
    Gefundenes wird einfach so wiedergegeben, wie es bei mir ankam.

    Verfasst von kopfundgestalt | 27. Mai 2018, 15:49
    • Lieber Gerhard, da bin ich ganz deiner Meinung. Ausschnitte sind gestattet, aber Farbmanipulationen nur in Ausnahmefällen. Anderenfalls muss man sich von der stillschweigenden Unterstellung trennen, es sei so und nicht anders gewesen. Für diejenigen, die künstlerisch z.B. mit Photoshop tätig ist, muss das natürlich nicht gelten. Doch die erheben auch wohl kaum den Anspruch, es handele sich um ein getreues fotografisches Abbild der Realität.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 27. Mai 2018, 17:42

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