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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Ein Lichtblick am Morgen

Es ist früh am Morgen. Die Straßen liegen noch weitgehend im Schatten. Nur die oberen Bereiche einiger Häuserwände und der blaue Himmel werden bereits von der aufsteigenden Sonne erhellt. Das von einer Häuserwand diffus reflektierte Licht trifft eine ebenfalls noch im Halbdunkel liegende glatte Bank, die es dem Gesetz der spiegelnden Reflexion gemäß in eine bestimmte Richtung weiter schickt und dem, der in dieses Lichtbündel gerät, eine Einladung zum Verweilen ausspricht. Außerhalb des Lichtbündels liegt die Bank genauso dunkel da wie alles andere.
Wenn die Sonne weiter aufsteigt und die Szenerie weitgehend ausleuchtet, erhält die Bank auch noch Licht aus allen anderen Richtungen, das sie ebenfalls in alle anderen Richtungen diffus und spiegelnd weitergibt. Diese Spiegelung fällt dann gar nicht mehr auf, weil sie von den diffusen Reflexionen überstrahlt wird.
Die strenge Winkelabhängigkeit der spiegelnden Reflexion auf der Bank verrät uns, dass die beiden Granitsegmente, die hier zusammengefügt wurden ein ganz wenig zueinander geneigt sind, was sich in einem Bruch im kopfstehenden Spiegelbild des erhellten Gebäudes zeigt. Der Blick auf die Kante der Granitplatte und auf die glatte Oberfläche im Schatten eines Busches zeigt uns im spärlichen Restlicht der übrigen Umgebung zumindest andeutungsweise die wahre Farbe des Granits, die dort durch keine Spiegelung überstrahlt wird. Ideale Spiegel haben überhaupt keine Farbe, sie leihen sich diese von den Gegenständen der Umgebung.
Übrigens habe ich die Einladung zum Verweilen angenommen. Aber nur kurz, denn die Verheißung von Wärme, die durch das reflektierte Sonnenlicht suggeriert wurde, fand aus der „Sicht“ meines Hinterteils keine Bestätigung. Um wirklich warm zu werden, brauchte der dicke Stein mit seiner großen Wärmekapazität viel Energie, die er sich auch sofort anschickt aus mir herauszusaugen. Da das indirekte Sonnenlicht von Häuserwand und Himmel gleich wieder spiegelnd weitergereicht wird, war aus dieser Richtung kaum ein nennenswerter Energieeintrag zu erwarten. Eine umgekehrte Erfahrung macht man am Abend. Dann ist der Stein noch prall gefüllt mit der Energie, die er tagsüber gespeichert hat und macht sich als angenehme Heizung bemerkbar, wenn die übrige Umgebung bereits stark abgekühlt ist.

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Diskussionen

10 Gedanken zu “Ein Lichtblick am Morgen

  1. Ich mag diese Kombination von Sinnlichkeit und Geistesschärfe/Wissen.
    Beides darf zusammengehören.

    Verfasst von kopfundgestalt | 5. Juni 2018, 00:46
  2. ganz wunderbar, das Foto! Und der Text natürlich auch. (den anderen mir zugeschickten habe ich noch nicht gelesen, werde es aber tun. Seit dem Physik-Unterricht in der Schule, der eine Katastrophe war, habe ich schweren Nachholbedarf.)

    Verfasst von gkazakou | 5. Juni 2018, 01:11
  3. Einfach genial erklärt und was ich auch so faszinierend finde, im Stein ist eine doppelte Spiegelung zu sehen! Das geht wahrscheinlich auch nur, weil die Oberfläche extrem glatt ist, oder?
    Sowas wie Du, als Physiklehrer, hat zu meiner Zeit wirklich gefehlt! Dabei kann Physik so spannend sein, was ich durch Dich und Deine Beiträge feststellen durfte! 😁👏👏👏👌👍

    Liebe Grüße in den Tag Babsi

    Verfasst von kunstschaffende | 5. Juni 2018, 12:22
    • Vielen Dank, liebe Babsi, für dein Lob. Eines der Probleme des Physikunterrichts ist, dass solche Alltäglichkeiten kaum vorkommen. Sie sind aber notwendig, damit die Unterrichtsinhalte auch außerhalb des Unterrichts wieder angetroffen und dadurch vertieft werden können. Aber lassen wir das. Jedenfalls hast du natürlich recht, dass die Oberfläche der Steinbank blank poliert war. Vielleicht erinnerst du dich, dass wir schon einmal ein ähnliches Phänomen diskutiert haben im Zusammenhang mit deiner tollen gespiegelten Sonne (https://hjschlichting.wordpress.com/2016/12/19/von-realen-und-gespiegelten-welten/). Dort kann man auch sehen, dass es wichtig ist, unter flachem Winkel auf die spiegelnde Fläche zu blicken. LG, Joachim.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. Juni 2018, 19:01
  4. Unglaublich wie sich das Gehirn, die Wahrnehmung verhalten kann.
    Als ich das Foto sah, „sah“ ich einen Brückenbogen (auf dem Foto ist das der dunkle Boden) unter der Wasser fliesst (im Foto blaues Metall) und der obere helle Anteil der Durchblick zum Horizant ist…….Bin gespannt, wer das nachvollziehgen kann;-)

    Verfasst von Malabar | 5. Juni 2018, 14:06
    • Ich kenne auch solche „Fehlwahrnehmungen“ insbesondere bei nichtvertrauten Anblicken und kann daher deiner Beschreibung folgend mich gut in deine Wahrnehmung versetzen. Da ich allerdings weiß, was ich fotografiert und beschrieben habe, muss ich deine Sehweise jedoch bewusst konstruieren. Aber blaues Metall ist in Wirklichkeit nicht vorhanden. Es ist der Reflex des blauen Himmels auf der Steinbank.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 5. Juni 2018, 19:09
  5. Die unverhoffte Seh Erfahrung erinnert mich an Vexierbilder, Kippbilder.

    Verfasst von Malabar | 6. Juni 2018, 11:03

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