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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Virtuelle Krümmungen

Ich sitze seit längerem in der Bahn, schaue zum Fenster hinaus und lass die Gedanken spielen. Es stellt sich jener angenehme Bewusstseinszustand des Dösens ein, bei dem innere mit äußeren Eindrücken zu traumartigen Szenerien verschmelzen. Das schnurgerade, durch den Zugbetrieb glatt geschmirgelte Nachbargleis, das nur durch Weichen, Abzweigungen u.a. Dinge unterbrochen wird, zieht sich wie ein sicheres Geländer durch das schläfrige Bewusstsein.
Doch plötzlich fängt durch eine Anomalie im Blickfeld  das innere Alarmsystem an zu blinken. Das plötzlich lichterloh entflammte Bewusstsein hat die Ursache schnell ausgemacht: die verlässlich geraden Nachbargleise fangen ganz fürchterlich an zu schlingern (siehe Foto): die Welt gerät aus den Fugen.
Jedenfalls solange bis mein auf Erfahrung beruhender Realitätssinn mir sagt, dass es solche schlingernden Schienen nicht gibt und eine andere Ursache gefunden werden muss. Diese beruht darauf, dass das von den Schienen ausgehende Licht am Ende des Fensters, dort wo die beiden zusammengeschmolzenen Scheiben einige Wölbungen aufweisen, in komplizierter Weise optisch gebrochen wird. Das heißt vor allem, dass – strahlenoptisch argumentiert – die Richtung der von den Schienen ausgehenden Lichtstrahlen in unvertrauter Weise geändert wird. Da aber mein visuelles System die Lichtstrahlen in rückwärtiger geradliniger Verlängerung der Richtungen wahrnimmt, aus der sie eintreffen, nehme ich den visuellen Eindruck zunächst für wahre Münze und schreibe die Deformation des Lichts den Schienen selbst zu.
Das Foto ist mir im letzten Augenblick gerade noch gelungen, während der Zug in den Bahnhof einfährt. Das erklärt die schlechte Qualität. Später haben wir auf meiner Seite kein Nachbarglas mehr und die Deformationen an komplex geformten Gegenständen zu bemerken gelingt nur, wenn man weiß, was man sehen möchte.

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Diskussionen

5 Gedanken zu “Virtuelle Krümmungen

  1. Sehr schön!
    Wie ein scherhafter Affront wirkt das freie Lasso-Band am Ende.
    Was solche eine schlichte Deformation eines Glases bewirken kann.

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Juni 2018, 00:17
  2. …scherzhaft.

    Verfasst von kopfundgestalt | 25. Juni 2018, 00:17
  3. mir gefällt dein „schlechtes“ Foto ausgezeichnet! Gerade die Unschärfe und Müdigkeit der Farben passt zum Thema des Dösens und der schlingernden Gleise.

    Verfasst von gkazakou | 25. Juni 2018, 00:50

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