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Marginalia, Physik im Alltag und Naturphänomene

Farbige Sonnentaler in der Kirche

Schlichting, H. Joachim. Physik in unserer Zeit 4 (2018) S. 204

Die Elemente eines Kirchenfensters wirken wie unterschiedlich geformte und eingefärbte Öffnungen und ihre Projektionen auf dem relativ weit entfernten Kirchenboden nehmen die Form der Lichtquelle an. 

Wenn man die Projektion von Kirchenfenstern mit farbigen Motiven auf dem Boden sieht, erscheint der Anblick zunächst wenig erstaunlich. Erst auf den zweiten Blick wird man sich vielleicht darüber wundern, dass die ursprünglichen Motive kaum zu erkennen sind, weil ihre Details in einem Ensemble runder Farbflecken verschwinden.
Alte Kirchenfenster bestehen meist aus kleinen bleigefassten Glaselementen unterschiedlicher Farbe, die mosaikartig zu Bildern zusammengefügt sind. Jedes dieser Minifensterchen hat also eine dem darzustellenden Motiv entsprechend besondere Form. Wenn jedoch das Sonnenlicht durch diese verglasten Öffnungen geht und diese in größerer Entfernung auf dem Boden der Kirche abbildet, erkennt man die ursprüngliche Form der Öffnungen nicht wieder: Alle Abbildungen stellen runde Lichtflecken dar. Wer diesen Unterschied zwischen Urbild und Abbild bemerkt, wird sich vielleicht darüber wundern.
Die runden Farbflecken sind eine Variante der runden Lichtflecken, die die Sonne unter dem Blätterdach von Bäumen hervorruft. Auch dort werden durch beliebig geformte Lücken zwischen den Blättern runde Lichtflecken auf dem Waldboden abgebildet; sogenannte Sonnentaler.
Ob von den Erbauern der Kirchenfenster geplant oder nicht, diese Ensembles von farbigen Sonnentalern tragen auf ihre Weise zur Verschönerung des Kircheninnern bei. Im Winter wenn die Bäume ihr Laub verloren haben, gehören die Kirchenfenster zu den wenigen Urhebern von Sonnentalern. Weil die Sonne im Winter keine großen Höhen erreicht, fällt das Sonnenlicht oft nahezu senkrecht durch die Kirchenfenster und entwirft kreisrunde, farbige Sonnentaler auch an Wänden und Säulen, was dem Phänomen einen zusätzlichen Reiz verleiht. Indem durch die so bewirkten Abrundungen die oft realistischen Darstellungen nicht mehr zu erkennen sind, kann man in der Verschiebung des Stils von der gegenständlichen zur nichtgegenständliche Kunst eine ungewöhnliche Attraktion aus dem Geiste der Physik sehen.
Die Aufnahme entstand in der äußerst sehenswerten Kirche Santa Maria Novella in Florenz.

Nachtrag:
Sonnentaler treten im Alltag in den unterschiedlichsten Kontexten auf. Zum Beipiel hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier. Es gibt auch inverse Sonnentaler  oder Schattentaler).

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Diskussionen

7 Gedanken zu “Farbige Sonnentaler in der Kirche

  1. Das ist wiederum eine wunderbar ästhetische Darstellung, die Physik und Kunst vereint!

    Mich hat das sofort an einen Künstler aus NRW erinnert, der große Farbtaler dicht an dicht aneinanderreihte. Damals, in den frühen Neunzigern, verstand ich diese Kunst-Form nicht und kaufte auch, was selten war, keinen Katalog, was ich jetzt bedauere!
    Manchmal braucht es Zeit, den eigenen Kunstbegriff zu erweitern.

    Im Schreiben dieses Comments fiel mir ein, daß sein Name mit N anfing und kurz war:
    Es war Ernst Wilhelm Nay!
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Wilhelm_Nay

    Es ist unglaublich, was das Gedächtnis vermag.

    Verfasst von kopfundgestalt | 12. Juli 2018, 11:01
    • Du hast Recht, das Kreisförmige ist bei Nay wirklich dominierend. Und auch hier kann man sagen, die Natur war schon da, womit ich die schönen farbigen Strukturbilder von Nay um nichts schmälern möchte. Die Erfahrung, dass man sich entwickelt und sich spater ärgert, eine Chace nicht ergriffen zu haben, kenne ich auch, insbesondere bei Büchern.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Juli 2018, 21:35
      • Wo Nay genau seine Inspiration her bekam, ob direkt aus der Natur oder schlicht aus einer künstlerischen Entwicklung heraus, ist mir natürlich nicht bekannt. Manchmal denke ich, es ist ein rein unterschwelliges Adaptieren.
        Ohne ihn näher zu kennen, könnte es schlicht Freude an Farben und Formen gewesen sein…eigentlich fast zwangsläufig für seine Zeit.

        Hans Hartung wird gerade in Bonn gezeigt. Seinerzeit, als ich ihn Anfang der 90er entdeckte, waren Kataloge über ihn sündhaft teuer. DAS konnte ich definitiv nicht leisten. Eins uns andere Mal stand ich vor einem bestimmten Katalog.
        Aber jetzt sieht es besser aus. In Bonn.

        Verfasst von kopfundgestalt | 12. Juli 2018, 21:51
  2. Die Frage nach der Inspiration kann oft der Künstler selbst nicht beantworten. Woher kommen Ideen??
    Ein Besuch der Hartung- Ausstellung steht demnächst bei mir auch noch an. Welch ein Zufall.

    Verfasst von Joachim Schlichting | 12. Juli 2018, 22:17
  3. Ich kann mir sehr vorstellen, dass die Planer der Kirchen die Fenster-Glas-Farben-Licht bewusst eingesetzt haben. Und so je nach Jahrezeit, Sonnenwenden, das Sonnenlicht bestimmte Bezirke in der Kirche ausleuchteten. (Altar, Kreuz usw) Darüber gibt es sicher auch schon Literatur?!

    Verfasst von Malabar | 12. Juli 2018, 22:23
    • Das denke ich auch. Einiges darüber findet man beispielsweise in Martik Kemp: The Science of Art. Manche Kirchen wurden sogar so konzipiert, dass darin physikalisch-astronomische Forschung betrieben wurde. Für mich ist es sehr interessant, auch Kirchen unter diesem Gesichtspunkt zu besichtigen.

      Verfasst von Joachim Schlichting | 13. Juli 2018, 08:44

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